Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 12.1831

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Daher treten so beleuchtete und gefärbte Stellen schein-
bar hervor. Andere Theile, welche nicht den Strahlen
zugewendet, sondern seitwärts liegen, empfangen ihre
Beleuchtung durch Widerscheine von näheren und ferneren
beleuchteten Gegenständen, ja von der mit Licht erfüllten
Atmosphäre, und diese Widerscheine hauchen gleichsam
den Theilen auf welche sie fallen, die Farbe der Gegen-
stände an, von welchen sie abprallen. Da nun diese
Widerscheine bläulich sind, wenn sie aus der freien Lust
kommen, so theilen sie diese bläuliche Farbe dem weniger
beleuchteten Gegenstände mit, und wenn dieser eine zarte
Haut ist, so entsteht aus der Mischung mit der bloß
gelbröthlichen Farbe ein Lichtgraulichgrün. Diese Fär-
bung fällt aber dem Auge, weil sie matter ist, weniger
auf, und so weichen diese Thetle scheinbar zurück und
erscheinen als Halbschatten, selbst wenn sie fast so hell
sind, wie die beleuchteten Stellen. Durch Farbe schein-
bar hervortreteude und zurückweichende Stellen bilden
eine scheinbare Rundung; und da Tizian und Paolo dieß
treu beobachteten, so runden sich ihre Gestalten ohne
Aufwand von starken Schalten und scharfen Gegensätzen
von Hell und Dunkel; ja die entzückenden Glieder, die
sie malen, schwimmen in Licht und Helligkeit , und doch
glaubt man sie umfassen zu können. Auch beobachteten
sie die Zusammenstellung solcher Farben, die sich gegen-
seitig heben, wie gelb und blau, roth und grün, und
vermieden dieß, wo sie eine sanfte, suchten es, wo sie
eine lebhafte Wirkung Hervorbringen wollten- Auch er-
scheint das Lichte auf ganz Hellem Grunde doch schattig.
Von andern Principien des Colvrits, welche den Paoli'-
schen ganz entgegengesezt sind, werden wir bei der Bolog-
neser Schule sprechen.^

lieber einzelne Zusätze erlauben wir uns nur folgende
Bemerkungen: S. 15 Anm. 12 vermnthet Hr. v. Q-,
daß ein deutscher Künstler mit Bartvlvmmeo Viva-
rini von Muräne in Verbindung gestanden, von wel-
chem lezterer den eckigen Faltenwurf der deutschen Schule
möge angenommen haben. Bleibt es aber nicht räthsel-
haft, daß eben der mit der Jahrzahl 1473 bezeichnete
h. Augustinns dieses Meisters in S. Giovanni und Paolo
zu Venedig zwar in der Zeichnung weit schöner, aber im
"Machwerk ganz und gar so ausgeführt ist, wie A. Dürer
in seiner besten Zeit seine Gemälde zu behandeln pflegte,
nämlich dünn lasirt, zum Theil vergoldet und die Um-
risse häufig mit kecken schwarzen Strichen angezeigt?
Sollte man daher nicht vielmehr auf eigenthümliche Ent-
wicklung des Vivarini und späteres Eiuwirken seiner
Manier auf die des A. Dürer schließen dürfen? — In
derselben Kirche befindet sich auch ein großes Glasgemälde
von Bartolommeo, das ten Raum eines Fensters ein-
nimmt und acht lebensgroße Figuren und siebzehn Brust-
bilder enthält; es ist 1814 wieder hergestellt worden.

S. 26 ff. hätten bei den Nachrichten über Anto-
nello von Messina auch die Schrift des Ritters
T. Puccini zu Florenz und die des Hrn. de Bast in
Gent angeführt werden können, welche leztere die neuesten
und vollständigsten Untersuchungen über diesen Künstler
enthält. S. die Uebersetznng der leztereiminit Zusätzen
von S. Boissere'e im Kunstblatt 1826 Nr. 78 ff.

S. 58 Anm. 50, wo von den Malern im Friaul die
Rede ist, hatte die 8lonia dellc Belle Arli Friulane des
Grafen Fabio di Maniago einer, Erwähnung ver-
dient, die 1823 eine zweite Auflage erlebte (Udine,
Gebr. Mattiuzzi.)

Ob das S. 74 Anm. g erwähnte Bilduiß der Dio-
lan te von Paris Bordone in der Münchner Gallerie
acht sep, scheint uns einigem Zweifel unterworfen.

S. 242 ff. hat Hr. v. Q. eine. Vertheidigung C an o-
va's gegen die Angriffe mehrerer Kritiker, namentlich
Fernow's unternommen, dessen Beurtheilung er leiden-
schafclich nennt. Ref. ist ebenfalls ein Freund der Bil-
ligkeit und mäßigen Urtheils, indessen leugnet er
nicht, daß Hrn. v. Q's. Urtheil ihm aus persönlicher
Freundschaft mehr als aus wahrhaft künstlerischer Wür-
digung entsprungen scheint. Das Verdienst, die Bild-
nerei nach langer und schwerer Verirrung zur Erkeuntniß
des Schönen zurückgeführt zu haben, wird niemand Ca-
nova bestreiten; eben so wenig die vollendete Bearbeitung
des Marmors; die Natürlichkeit aber, die Hr. v. Q-
ihm unbedingt Neben der Anmuth viudicirt, können
wir ihm nur in wenigen Werken gelten lassen. Wo
er Kraft und Großartigkeit zu erreichen sucht» zeigt er
Uebertreibung der Motive und aufgedunsene Behandlung
der Formen, wo er nach Schönheit strebt, eine Weich-
lichkeit und Affektation, welche sowohl den Gedanken als
der Ausführung eine falsche Richtung gegeben hat. Nicht
der reinmenschliche Geist, sondern ein Anhauch des
modischen Zeitgeistes ist es, der uns aus seinen Werken
entgegenweht. Auch den Vorwurf wird Hr. v. Q. nicht völ-
lig von C. ablehnen können, daß feine Compositionen oft mehr
malerisch als plastisch geordnet sind. Man sehe nur
seine Tänzerinnen und ganz besonders seine Reliefs, zu-
mal die lezten, die er für seine Kirche in Possagno
entworfen, und worin er, zu einer Zeit, wo Thorwaldsen
bereits die ächte Behandlung des Reliefs in großen Bei-
spielen gezeigt hatte, neben einer unsichern, verfließenden
Anordnung der Flächen, noch Lyolken und Lichtstrahlen,
nach Act der verderbtesten Manier, anbrachte. — Gern
unterschreibt Ref. was Canvva's Charakter als Mensch
betrifft, und trotz dem lebhaften Gefühl jener Schwächen,
verkennt er doch in ihm den wahrhaft genialen Künstler
nicht, dem sich in Lebendigkeit der Composition und Hei-
terkeit der Ausführung wenige Neuere an die Seite
stellen können.
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