Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 22.1841

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Vienllag^ den 25. Mai 1841.

' Annstiiteratnr.

Kunstwerke und Künstler in England und Paris.
Von V>. G. F. Waagen, Dircctor der Ge-
mäldegalerie des königl. Museums zu Berlin.
3 Tßcile, Berlin, 1837 — 1839.

Wenn über ein Werk, das zu den wichtigsten der
neueren Kunstliteratur gehört, erst einige Zeit nach dessen
Erscheinen Bericht erstattet wird, so möge eben diese
Wichtigkeit des Werkes der verspäteten Anzeige zur Ent-
schuldigung dienen. Das Buch des Hrn. Director Waagen
hat einen so mannigfaltigen, so vielgegliederten Inhalt,
daß es nicht füglich gelesen werden kann, wie man wohl
andere Bücher liest; es greift fast in alle Zweige der
Kunstgeschichte ein, cs bietet nach allen Seiten so viel
neue und bedeutsame Einzelnheiten, daß eine umfassende
Würdigung kaum eher möglich se>,n dürfte, als bis man
alles Einzelne seines Inhaltes dem großen Ganzen des
kunsthistorischen Entwickelungsganges eingereiht und ein-
gearbeitet hat. Erst nach einem Studium solcher Art
vermag man cs zu übersehen, wie das Gebäude der
kunsthistorischen DiSciplin durch dies Buch an vielen
Stellen neu gestützt und befestigt wird, wie es an vielen
andern in ungleich reicherer Ausbildung als bisher er-
scheint, wie in ihm so manche ganz neue Räume für
unser Auge eröffnet werden.

Die beiden ersten Theile des Werkes bilden, unter
dem besonderen Titel: „Kunstwerke und Künstler in
England," ein für sich bestehendes Ganze. In Bezug
auf sie ist zunächst ein Wort über ihr Verhältniß zu
Passavant's „Kunstreise durch England und Belgien"
zu sagen, in welchem Buche uns zum ersten Mal ein
genauer und gründlicher Einblick in die Kun>kschätze, die
daS reiche England besitzt, gegeben war. Beide Werke
behandeln einen großen Thcil der wichtigsten unter diesen
Kunstschätzen. Doch dürfen wir deßhalb Waagen'S Arbeit
nicht überflüssig nennen, oder etwa wünschen, daß er
über die von Paffavant bereits besprochenen Gegenstände

möge kürzer hinweggegangen se»n; im Gegentheil ist es
sehr erfreulich, daß wir über diese Gegenstände nunmehr
zwei, zu einem gründlichen Urtheil berufene Stimmen
vernehmen können, auch wenn dieselben nicht überall
auf gleiche Weise lauten. Waagen's ganze Auffassung
und Behandlung ist eben eine andere, als die von Pas-
savaut, und die Vergleichung Beider ist wohl geeignet,
dem Leser eine selbstständigere Anschauung zu bereiten,
soweit eine solche überhaupt durch das geschriebene Wort
vermittelt werden kann. Dann hatte Waagen Gelegen-
heit, seine Reise weiter auszudehnen als sein Vorgänger,
somit über manche Sammlungen, deren Anschauung dem
Letzteren nicht gestattet war, Bericht zu geben; vor-
nehmlich aber ist cs wichtig, daß er seinen Gesichtskreis
nicht so eng beschränkt wie Passavant, der im Wesent-
lichen nur von Gemälden und Handzeichnungen spricht
und auch über die spätere Zeit, besonders über die Ca-
binetbilder des 17ten Jahrhunderts, die geradehin einen
der Glanzpunkte der englischen Kunstsammlungen aus-
machen, nur einzelne gelegentliche Andeutungen gibt.
Im Gegentheil zieht Waagen Alles, was der bildenden
Kunst, vom frühesten Alterthum bis in die jüngste Ge-
genwart herab, angehört, in seinen Bereich und tritt
uns somit in der größten Vielseitigkeit der Anschauung
und des Urtheils gegenüber. — Dasselbe gilt von dem
dritten Theil seines Buches, der den besonderen Titel
führt: „Kunstwerke und Künstler in Paris." Dieser
Theil bildet durchaus eine neue Erscheinung im Gebiete
der Äunstliteratur und füllt eine der empfindlichsten
Lücken aus, da es uns bisher an einer umfassenden
und gründlichen Charakteristik der ausgezeichneten Schätze,
die in den Kunstsammlungen von Paris bewahrt werden,
noch durchaus mangelte. Zwar werden hier im Wesent-
lichen nur die in den öffentlichen Sammlungen befind-
lichen Werke besprochen; doch enthalten diese für Paris
bei Weitem das Wichtigste, während i» England die
ungleich größere Mehrzahl vorzüglicher Werke in t den
Privatsammlungen ausgesucht werden muß. Zudem sind

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