Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 22.1841

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2V ei.

Kunstblatt.

Pienflat), den 3. Äirgust 1841*

Die Pariser Kunstausstellung vom Aahr 1841.

(Fortsetzung.)

5) Genre.

Die eigentliche Genremalerei brachte, wie gewöhnlich,
eine ziemliche Anzahl recht leidlicher Werke hervor. Von
Conversationsstücken nennen wir: Eine jüdische
Hochzeit in Marocco von Eugene Delacroir. Eine
zahlreiche aus Mauren und Juden gemischte Gesellschaft
vergnügt sich in dem inneren Hofraum eines Hauses
bei Musik und Tanz. Die vornehmen maurischen Hoch-
zeitsgäste bezahlen die Musikanten, die beständig auf-
spielen und singen müssen; die Frauen allein tanzen; die
Männer klatschen Beifall. Dieses Bild, reich an hübschen
Motiven, voll Lust und Leben, macht durch die Frische
und Helligkeit des Tons, die Leichtigkeit und Sicherheit
der Touche und die warme, energische Wirkung des
Sonnenlichts einen überaus angenehmen Eindruck und
gehört zu den besten Erzeugnissen des Meisters. Mit
dem Gefühl für Haltung, mit dem Sinn für Feinheit
und Harmonie des Colorits, Eigenschaften, die sonst die
Gemälde von Delacroir auszeichnen, verbindet sich hier
Wärme, Klarheit und Lebendigkeit. In der gehörigen
Entfernung ist die Totalwirkung mild, mehr lebhaft als
glänzend; mit Wohlgefallen ruht das Auge auf allen
Theilcn des Bildes und hält Alles für genug vollendet.
Tritt man indeß näher, um sich die Behandlung anzu-
sehen, so findet man eine nichts weniger als dclicate
und präcise Ausführung, sondern einen skizzenhaft-
geistreichen Vortrag, der sich auf keine spcciellc Charak-
teristik, Zeichnung, Modellirung und Jndividualisirung
der einzelnen Theilc einläßt, sondern die Haupttheile
mit wenigen und im Verhältniß zur mäßigen Größe der
Figuren fast z» breiten Zügen mit größter Sicherheit
hinschreibt. — Der moderne Samariter von Sch netz.
Ein junger Mann eilt, eine am Wege vor Mattigkeit
umgesunkene Frau mit ihrem Kinde durch einen Labc-
trnnk aus der Kürbisflasche zu erquicken. Sehr wahr

empfunden, einfach und tüchtig behandelt, doch etwas
trüb im Colvrit. — Zwei Frauen in halb orientalischem
Kostüm halten ihre Sieste, und eine Gesellschaft von
Herrn und Damen zu Pferde, die sich eben erfrischen,
von Tony Johannot, wie alle Bilder dieses Künst-
lers, von etwas manierirter Auffassung, doch beide von
eleganter, geschmackvoller Malerei und bestechendem Co-
lorit. — Mehrere Mädchen, im Gespräch begriffen, von
! Hermann Winterhalter, eine Nachahmung der
Conversationsstücke seines Bruders, und, wie diese, ohne
j sehr bedeutenden Gehalt, von mehr leichter als tiefer
Erfindung, indeß durch gefällige, zierliche, wiewohl etwas
nüchterne und gezierte Mädchencharaktcre von ansprechen-
der Wirkung, die hier durch eine gewisse Kälte der Be-
handlung gestört wird. — Die Mädchen am Brunnen
und das anvertraute Geheimniß von Wattier sind sehr
geschminkte, in der Manier Boncher's erfundene und
ausgeführte Bilder. — Esmeralda unterrichtet ihre Ziege
im Tanzen und Napoleon in seinem Arbeitscabinet mit
dem kleinen Könige von Rom spielend von Steuden.
Die Auffassung ist gerade nicht sonderlich geistreich, der
Vortrag zu glatt, die Färbung aber blühend. — Der
Herzog von Orleans wird in einem Zelte bei den Lappen
bewirthet, und der Pfarrer Lästadius unterrichtet die
heidnischen Lappen in der christlichen Religion, zwei
Bilder vonBiard, sind, wenn gleich ziemlich hart und
bunt gemalt, so doch nicht ohne energische Auffassung
der kleingewachsenen, barocken Gestalten jenes armseligen,
gelbbraunen Völkchens. In den drei komischen Genrebil-
dern, den sogenannten Chargen, die Biard dieses Jahr
ausgestellt hat, finden wir nicht den Humor, den wir
sonst bei ihm gewohnt sind. Die ledigen Jungfern, welche
eine scheinheilige Kupplerin an den Mann zu bringen
sucht, der schildmachstchendc ehrsame Nationalgardist und
Bürgersmann, der seine Muskete auf die Seite gestellt
hat und sich zum Zeitvertreib die Fliegen abfängt; endlich
der Regimentstambour, der seine Sünden beichtet, die
so arg sind, daß der Geistliche im Beichtstuhl ganz
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