Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 22.1841

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Philipp im Schloß von Versailles angelegt, ist eine
Stiftung, für welche dieser hochgebildete Fürst den
größten Dank verdient.

Es versteht sich ganz von selber, daß es in diesem
Streben nicht ohne Verirrungen und Uebertreibungen
abgegangen. Die Enthüllung der historischen Wahrheit
hat bei einzelnen talentvollen Literaten und Künstlern
das Ertrem der ausschließlichen Vorliebe für die Welt
der Antike, einen unbedingten, fast caricaturartigen
Enthusiasmus für daS Mittelalter, seine Kunst, seine
Formen und Einrichtungen geweckt. Einerseits entstan-
den hieraus Gedichte, wie die von dem Grafen Jules
de Resse'guier, Romane, wie die von dem Generalpro-
curaror Marchangy, Streitschriften, wie die vom Grafen
Montalembert, Gemälde und Statuen, wie die von
P. Flandrin und A. Lemvine, lauter Werke, die recht
eigentlich zu Gunsten der mittelalterlichen Politik, Poesie
und Kunst angefertigt wurden und die Rückkehr zu den
heilsamen Grundsätzen des ehemaligen Stabilitäts- und
Autoritätsspstems, zu der ritterlich-frommen Begeisterung
der alt romantischen Dichtkunst und zu der strengen
Einfachheit und Innigkeit des ältesten Kirchenstyls pre-
digten. Andererseits entwickelte sich hieraus auch bei
diesen Schwärmern für's Mittelalter die Verachtung und
Unzufriedenheit mit den Einrichtungen und dem Geist
der Gegenwart, und so kam es, daß, weil die Unzu-
friedenen und Enthusiasten aller Art sich gern ver-
einigen, auch diese in einzelnen Fällen, so wie früher
die leidenschaftlichen Verehrer der antiken Römer- und
Griechentugenden, und deren Sitten und Verfassungen,
der Fahne der Radicaldemagogcn folgen. Man denke
nur an die Doctrinen mehrerer Schriftsteller aus der
jüngeren socialen Schule, eines Büchez, eines Boulland,
die auf die Vereinigung des terroristischen Radicalismus
und deS mittelalterlichen KatholiciSmus hinarbeiten;
man denke ferner an die wunderlich monströsen Theo-
rien mancher Parteiorgane, wie der Gazetic de France,
die ihr Dogma von dem Katholicismus und der Legiti-
mität mit den Absurditäten des ausschweifendsten Demo-
cratismus und der absolutesten Volkssouveränität ver-
quickt hat; man denke endlich an einzelne Werke der
neuesten romantischen Malerschule, wie Scheffer'S Chri-
stus, die Zuflucht der Unterdrückten und Gebeugten, wo
der Gedanke des Künstlers der religiösen Freiheit der
Kinder Gottes die politische Freiheit substituirt und so
eine Jdeenrcihe angeregt hat, die bis zu den Ansichten
eines Lamennais führt.

Andere Mißgriffe und Leichtfertigkeiten konnten na-
türlich in dieser neuen Richtung der Literatur und Kunst
nicht wohl ansbleiben. V. Hugv's Notre-Dame, P. Ms-
rimc'e's Chronik zur Zeit Karl's ix., die historischen
Romane deS Bibliophilen Jakob, Vitet's Dramen sind

hervorgegangen aus den gründlichsten Studien und mit
wahrhaft poetisch-historischem Sinne gedichtet; eben so
sind P. Delaroche's Söhne Eduard's, A. Scheffer's Ca-
pitularien Karl's des Großen, die historischen Gemälde
von E. Deveria, E. Delacroir, H. Vernet u. s. w.
Werke, in denen die Maler gründliches Kostüm - und
Geschichtsstudium dargelegt und die ganze Kraft ihres
Kunstvermögens in Bezug auf gelungene Composition
und getreue Erfassung des Gegenstandes entfaltet haben.
Aber es konnte nicht fehlen, daß sich auch viele schwach-
begabte oder talentlose Naturen ans das Fach der Ge-
schichte warfen, die alten Chroniken durchblätterten und
dort nach Schätzen gruben. Diese Menschen, mit ihrem
Alltagsbewußlsevn unfähig, den Geist irgend einer Ver-
gangenheit zu fassen, konnten nichts als Caricaturen
hervorbringen, höchstens Kostüme, Mobiliare und der-
gleichen geringfügige Aeußerlichkciten und Zufälligkeiten
in genauen, umständlichen Beschreibungen reproduciren.
Die gleichgearteten Maler, welche den Dichtern auf dieses
Gebiet folgten und Sujets aus der altern französischen
Geschichte aufgriffen, brachten ebenfalls eine Masse un-
bedeutender Leistungen hervor, worin, wcnn's hoch kommt,
der Charakter der Kostüme, der Beiwerke und Nebendinge
richtig aufgefaßt, durchweg aber Poesie, tieferes Ver-
ständniß und Eindringen in den Gegenstand vermißt
wird. Schade um so manchen schönen Stoff, der von
moderner Seichtigkeit und Trivialität berührt und ver-
dorben worden ist. — Da es endlich vielen der modernen
Romanschreiber, Bühnenstückmacher und Bilderfabrikan-
ten noch zu schwer und mühsam war, die mittelalterlichen
Chroniken zu lesen, so fanden sie cs bequemer, ihre
Süjets aus der Zeit der Regentschaft, aus den Boudoirs
der Dübarry und ähnlichen Orten zu entnehmen. Die
Literaten haben die geheimsten Schlupfwinkel dieser schmäh-
lichen Periode durchstöbert, und man liest die scandalö-
festen Geschichten, die schlüpfrigsten Anekdoten, die bis
dahin nur in den Memoiren standen, jetzt in sogenannten
historischen Romanen, oder sieht sie auf den Theatern
in sogenannten historischen Komödien und historilchcn
Vaudevilles, und auf den Kunstausstellungen in ioge-
nannten historischen Genrebildern dargestellt und veran-
schaulicht. Denn die Maler sind ihrerseits hinter den
Literaten nicht zurückgeblieben und behandeln vielfach
Stoffe aus der Puder- und Zopfzeit, und theilweise mit
solchem Nacbahmungstalenk, daß mau in der That auf
den ersten Blick versucht ist, das Bild für das Werk von
Boucher oder von einem andern Künstler des vorigen
Jahrhunderts zu halten. Daraus ist die historische
Genremalerei hervorgegangen, eine Bastardgattung,
die gegenwärtig sehr florirt und die eigentliche Historien-
malerei beinahe zu verdrängen droht. (Forts, folgt.)
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