Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 22.1841

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gewandt ist sic gebildet, daß man fühlt, sie werbe sogleich
nach der Bitte wieder zur Jagd des Wildes eile». Lieblich
gruppirt ist ein Amor zu einer Leda, w-lchc de» Schwan
liebkost. Ueberaus neu und dichterisch und plastisch erscheint
ein Perseus mit der Andromeda. Das drohende Seeungeheuer
liegt von dem Helden besiegt lief in den Woge» des Meers,
und darüber schwebt, »eben dem fliegenden Pegasus, der
Sieger, ihn am Zügel ergreifend, dahin, und führt die noch
von Angst erschöpfte Jungfrau mir sich fort. Anmuihig über
den Rücken des Musenpferccs hingegossen, laßt sic mit liebe-
voller Innigkeit ihre» schönen Arm am Halse des Heros
ruhen, doch ihre Erschöpfung gönnt ihr nicht, ihn zu um-
fassen. Allen voran schwebt Amor und tragt im Triumph
des Helden schreckliche Waffe. Selbst leichten Scene« des
gewöhnlichen Lebens, die er spielend enlworfen, hat Thor-
waldsen antikes Gepräge verliehen, uns nirgend zeigen sie
die gemeine Zufälligkeit des modernen Genre, lieber Au.s
interessant aber ist cs, an zwei großen, für kirchlichen Zweck
bestimmten Friesen zu sehen, wie vollkommen sich der antike
Styl und Geschmack mit echt christlichem Sinne verbinden lasse,
und wie erhaben die vereinigte Wirkung beider sey. Der
eine dieser Relieffriese stellt den Einzug Christi iu Jerusalem
dar, der andere seinen Ausgang nach Golgatha. Schon die
Wahl dieser Gegensätze ist grandios und classisch. Die Idee,
daß das Volk derselben Stadt den Heiland einmal jubelnd
empfängt und das andcremal kreuzigen lägt, ist mit so tragi-
scher Liefe und in solcher Hoheit noch nie zur Anschauung
gebracht worden. Ernst und liebevoll segnend zieht in dem
ersten der Heiland mit den Aposteln ei», das Volk ist ihm
vor die Thore cntgegcngetomnien. Vorausgeeilte, palmcn-
schwingende Knaben haben sich von der Masse des Volks ge-
löst und sind zunächst dem Heilande, welcher, auf der Eselin
reitend, des Ganzen Mitte bildet, so vereinzelt, daß die
Hauptgcflalr auch für den entferntesten Standpunkt wirksam
hervortritt. Hinter den Knaben ist der Jubel »ns die Ver-
ehrung mit den inannigfaltigsten Gebärden so energisch aus-
gedrückt, aber zugleich so abgestuft, daß dahinter eine Gruppe
von unhcilspiuncnden Pharisäern nicht unvorbereitet auflrilt.
Auf dem erwähnten Gegenstück des Relieffrieses ist der Mo-
ment gewählt, wo Simon von Kyrene das Kreuz ergreift.
Der Heiland hat sich, es noch tragend, emporgerichtet, und
spricht zu den Weinende» im Volke: „Weinet nicht über
mich; weinet über euch und über eure Kinder." Sehr
tief gedacht ist cs, daß hier Trauer die Stelle einnimmt,
welche dort der Jubel erfüllt. Maria ist vor Schmerz hin-
gesunken und wird von den heiligen Frauen gepflegt. Hinter
ihr aber ziehen die Urheber ihres Schmerzes, Kaiphas und
sein verstockter Anhang einher, und den Schluß macht der
Richter Pilatus, welcher, am Thore von Jerusalem sitzend,
die Schuld von sich abwasckien will. Vor dem Heilande aber
führen schön gruppirte römische Krieger leichten Sinnes die
Schächer nach Golgatha; der Verstockte blickt zur Erde, der
Reuige nach dem Heilande. So sinnvoll ist diese höchste
Tragödie vorgeführt, daß man sie in ihrer Auffassung und
ihrem Rhythmus schwerlich wird überbieten können. Mit
Recht hat demnach der Künstler iu seinem eigenen, von ihm
selbst geschaffenen Siandbilde den Arm auf eine Statue der
Hoffnung gestützt, welche de» Lotus, das Sinnbild der Un-
sterblichkeit, i» der Rechten trägt. Er darf hoffen: Unsterb-
lichkeit wird ihm werden."

5. Juni. Heute Mittag gaben die Künstler Berlins,
zunächst der älter» Künstlervereine, Thvrwaldscn ei»
Festmahl im Jagorsche» Saale, Die Hauptwand desselben

war mit Thorwaldsen's Büste iu einer Laubnische geschmückt;
über derselben schwebte eine der für die Walhalla bestimmte»
Victorie» Ra uch's und hielt den Lorbeerkranz, der über des
Künstlers Haupte zu erscheinen bestimmt war. Um 5 Uhr
betrat der Gefeierte, von Begas, Kopisch und Hesse
geleitet, den Saal, in welchem sich bereits die ersten Nor
tabiliräten der Kunst und Wissenschaft versammelt hatten.
Sei» Erscheinen machte eine» unbeschreiblichen Eindruck;
Treue, Herzlichkeit, Biedersinn, mit genialer Kraft gepaart,
leben auf seinem, die rüstigste Gesundheit athmenden und
von langen Silbcrlvcken umwallten Anilitz. Eine wahrhaft
kindliche Einfalt verleiht dem Greis eine unwiderstehliche
Grazie. Das ganze Fest, welches vorzüglich sinnreiche Toasts
und Gedichte hervorrief, hielt sich auf der schönsten Höhe
innig liebevoller und verehrender Gesinnung und wird gewiß
auch bei dem Gefeierten eine bleibende, wohlthucnde Erin-
nerung zurücklassen.

7. Juni. Gestern reiste Thorwa ldsen, in Begleitung
der v. Stampe'schcn Familie, von liier nach Dresden ab,
nachdem er vorher noch vom Prof. Begas olla prima ge-
malt worden war, welches Porträt der große Bildhauer selbst
für eines der gelungensten unter den vielen von ihm erifli-
renden erklärte. — Auch Prof. Krüger hat Thorwaldsen's
Aufenthalt hier benutzt, um ihn in Kreide zu porträtier».

12. Jun. Die k. Akademie der Künste hat in ihrer
Plenarversammlung am 4. Juni den gegenwärtig hier an-
wesenden ersten Kupferstecher des Königs der Franzosen,
A. C. L. Boucher, Baron Dcsnoyers, zu ihrem aus-
wärtigen ordentlichen Mitglieds anfgenommen.

2i. Juni. Der erste Architekt des Königs der Franzosen,
Ritter Fontaine, hat von unser», König den rothcn Adler-
orden zweiter Klasse mit dem Stern erhalten.

Schinkel'S Gesundheitszustand hat sich seit einiger
Zeit gebessert. Er konnte daS Bett verlassen und erkannte
seine Freunde wieder.

Dresden, ir. Jun. In diesen Tage» fand auf dem
Finblater'schen Weinberg ein von den hiesigen Malcrn ver-
anstaltetes Fest zu Ehren des jetzt hier auwesendcn Prof.
Jul. Schnorr aus München statt.

is. Juni. Thvrwaldscn hält sich seit einigen Tagen
hier auf, und wuroe gestern im Theater durch einen von
Fräulein Berg gesprochene» Epilog begrüßt. Nach dem Schluffe
des Theaters versammelt n sich die hiesigen Künstler in dessen
Foyer zu einer glänzenden Soir-e.

Leipzig, 25. Juni. Auch hier wurde Thorwalbsen
gestern ein Festmahl gegeben, zu dem sich um i Uhr gegen
dll Männer und Franc» im Garlensaale des Hotel de Sare
vereinigten. Nach demselben reiste der Gefeierte nach Frank-
furt ab.

Vecolai,, i». Juni. Heute vor so Jahre» wurde der
hiesige Maler Gottfr. Aug. Thilo von der Berliner Aka-
demie der Künste zu deren außerordentlichem Mitglied er-
nannt, weßhalb ihm von dem Direktorium und Senate dieser
Akademie ein Glückwunschschreiben zugefertigt und heute durch
den Oberbürgermeister Lange feierlich überreicht wurde.

Weimar, 26. Juni. Der bisherige Bauinspeclor Hein-
rich Heß, nach dessen Plänen und unter dessen Leitung
unser nun bald vollendetes neu 's Raihhaus aufgeführt wird,
ist von Sr. k. H. dem Großherzoge zum Bauralh ernannt
worden.

Verantwortlicher Redakteur: von Schorn.
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