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Kunstblatt.

Dienstag, den 14. November 1843.

Jur Geschichte -er älteren Malerschnlen in
Westphalen und am Nie-errhein.

(Schluß.)

Johannes Stephanus von Calcar, gewöhnlich
Jan van Calcar genannt.

Die Dunkelheit, welche über die Lebensumstände
dieses Künstlers herrscht, konnte theils wegen Mangel
an archivalischen Nachrichten in Calcar, theils weil der-
selbe sein Vaterland frühe verlassen hat und in Italien
gestorben ist, bisher nicht aufgeklärt werden., Die dürf-
tigen Nachrichten, welche Vasari und van Mander uns
hinterlassen haben, beschränken sich darauf, daß sich der-
selbe im Jahr 1536 in Venedig aufgehaltcn, woselbst er
sich die Malweise Titians bis zur Täuschung eigen ge-
wacht, bewunderungswürdige Bildnisse gefertigt habe,
und zehn Jahre später, in der Blüthe seiner Jahre, in
Neapel gestorben sey. Sandrart erwähnt eines kaum
spannengroßen Gemäldes von größter Feinheit in der
Ausführung, die Geburt Christi darstellend, welches in
Rubens Besitze gewesen und später in den des Kaisers
Ferdinand gelangt seyn soll, jetzt aber gänzlich verschol-
len ist. Außerdem soll van Calcar die Zeichnungen zu
dem anatomischen Werke Vesals,* in welchem er ooa»-
ixj8 Stephanus Calcarensis genannt wird, gefertigt haben.

Die über ihn in seiner Vaterstadt Calcar verbrei-
teten Traditionen lassen denselben zwar nach Italien
ziehen, jedoch später wieder zurückkehren. Demzufolge
werden ihm mehrere auf den Nebenaltären in dortiger
Kirche befindliche geringe Gemälde, worunter die Legende
der heil. Ursula, als Jugendarbeiten, hingegen die Flügel
des Hauptaltars, als ein Werk, welches er nach seiner
Rückkehr aus Italien gefertigt haben soll, zugeschrieben.
Diese Annahmen entbehren jedoch aller Wahrscheinlichkeit,

1 A. Vesnlii, de humani corporis fabrica, libri VII.
Basil. Oporin, 1545, fol. Morejli, notizia d’opcre di di-
scgno eie. Bassano 1800. p. 252 sq.

weil das letztgedachte Werk nicht die entfernteste Spur
einer italienischen Kunstbildung verräth, wie Hemskerk,
CoriS, Mabuse u. A. sich bei ihrem Besuche Italiens
angecignet haben. Ueberdem steht diese Annahme mit
den Angaben Vasari's über den frühen Tod des Mei-
sters in. Neapel in offenbarem Widerspruche.

Der Hauptaltar in der Kirche zu Calcar besteht in
einem überaus reichen vergoldeten Holzschnitzwcrkc, wel-
ches alS Hanptgegenstaud die Kreuzigung Christi darstcllt.
Die Flügel, mit einem in der Mitte derselbe» befind-
lichen Ansatz, welche diesen Bildersthrcin bedecken, sind
auf jeder Seite in vier größere und in ein kleineres
Feld getheilt, und enthalten demnach im Ganzen sechs-
zehn größere und vier kleinere Gemälde. Die letzteren
bilden den eben genannten Ansatz. Auf den äußeren
Seiten befinden sich folgende Darstellungen. Oben:

I. die Verkündigung, 2. die Geburt Christi; auf de;n
Flügel linkS: 3. die Beschneidung, 4. die Anbetung der
Könige, 5. die Taufe im Jordan, 6. die Verklärung auf
Tabor; auf dem Flügel rechts: 7. die Darbringung im
Tempel, 8. Christus unter den Schrifrgelehrten, 9. Chri-
stus und die Samariterin am Brunnen, 10. die Er-
weckung des Lazarus. Auf den inneren Seiten, oben:

II. Abrahams Opfer, 12. die eherne Schlange; auf dem
Flügel links: 13. die Gefangennehmung, 14. die Dor-
nenkrönung, 15. die Ausstellung Christi, 16. Christus
vor Pilatus; auf dem Flügel rechts: 17. die Auferste-
hung, 18. die Himmelfahrt, 19. das Pfingstfest und
20. der Tod der Maria.

Die Auffassung und Behandlung dieser trefflichen
Gemälde deuten offenbar auf einen bestimmten Einfluß
der Eyck'schen Schule. Nirgend ist eine Einwirkung ita-
lienischer Malweise zu bemerken. Der Ausdruck in den
Köpfen ist höchst zart und anmuthvoll. Die Gewänder
sind in der Art der gleichzeitigen niederländischen Maler
behandelt. Leider haben einzelne Tafeln durch unge-
schickte Reinigung hin und wieder an Schmelz ver-
loren.
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