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mit einem Füßchen an den Gürtel stemmt, mit zarter
Inbrunst an sich und küßt es auf die Wange. Joseph
liegt auf einer Rosenerhöhung hinter ihr und legt sich
mit dem Kopf und den ihn stützenden Arm herüber.
Die Figuren sind fast lebensgroß, jedoch das Ganze als
Kniestück behandelt. Ueberraschend fein und wahr sind
die Motive jeglicher Bewegung in Mutter und Kind
(Joseph bildet in seiner ziemlich rohen, fast nur den
Zimmermann verrathenden Lage, einen grellen Gegen-
satz) ausgedrückt, die Hand, die das eine Füßchen hält,
die andere, die das Kind zugleich trägt und anzieht, die
Züge der Angesichter und Alles. Auch die Zeichnung
zeigt ein feines Gefühl für Natur und Schönheit, und
wenn der Färbung auch mehr Frische, Durchsichtigkeit
und Glanz zu wünschen wäre, so ist sie doch klar, har-
monisch und natürlich, und die Behandlung ist leicht
und frei, breit und glatt.

Nächstdem findet sich auf der Ausstellung eine An-
zahl Gemälde von einem leichten, freien poetischen Genre,
etwa in Wielands Art, ohne religiöse oder geschichtliche
Unterlage. Es ist Miltons Comus, der zu der Mehr-
zahl derselben die Veranlassung gegeben. Die Heldin
des Gedichts ist ein junges Mädchen, das in die Ge-
walt eines Zauberers fällt; er bannt sie an einem Stuhl,
wo sie, allen Unannehmlichkeiten und Versuchungen aus-
gesetzt, ihnen widersteht und zuletzt von ihren Brüdern
unter dem Beistand guter Geister befreit wird.

C. R. Leslie hat die Scene gewählt, wo ihr der
Zaubertrank gereicht wird. ES ist ein nicht sehr erfreu-
liches und mit sichtlicher Gleichgültigkeit ansgeführtes
Bild, bei welchem der Künstler seine Correkturen sorg-
los über die falschen Stellen gemalt, so daß diese durch-
scheinen. Nebensachen, Früchte, Geräthschaften rc. neh-
men großen Raum ein. Für die Schönheit menschlicher
Gestalt und Bewegung, für die Gesetze der Anordnung
von Gewändern, für die Kunst des gleichmäßigen Far-
benauftrags und der Formenansbildnng, somit für Al-
les, wodurch ein an und für sich unbedeutender Gegen-
stand künstlerisches Interesse gewinnen könnte, hat der
berühmte Maler bei diesem Bilde keine bildnerischen
Kräfte angewendet. Ueberhaupt erscheint er hier nicht
ganz an seiner Stelle, und wir werden ihm später an
einer geeigneteren wiederbegegnen.

D. Maclise giebt die Scene, in welcher die Jung-
frau von dem Zanbersessel befreit wird. Sie sitzt schlum-
mernd aus dem mit Schlangen umwundenen Stuhl,
zerbrochen liegt der Zanberbecher und ein Kranz zu ihren
Füßen; am blauen Himmel schimmern Sterne, theil-
nehmend schweben von beiden Seiten weibliche Geister
heran, deren Königin, Sabrina, Tropfen auf die Schlum-
mernde träufelt; rechts steht, wie in Träume versun-
ken, ein Hirt, links sieht man die Brüder mit gezück-

tem Schwert, den einen kniend, den andern schreitend,
beide in der.Hoftracht des 15. Jahrhunderts. Das Bild
macht gewiß, zumal bei seiner etwas harten und herben
Zeichnung, bei seiner disharmonischen Buntheit' und
Haltungslosigkeit und trockenen Farbe auf Jeden zuerst
einen ungünstigen Eindruck; bei näherer Betrachtung
indeß gewinnt es; man erkennt ein eifriges Bestreben
nach Charakteristik und Ausdruck, den Sinn für An-
ordnung und sogar für Schönheit in Form und Bewe-
gung. Die technische Behandlung erscheint sehr fleißig,
aber zugleich mühsam. Ich hatte Gelegenheit, einige
andere, frühere Gemälde dieses Künstlers zu sehen, na-
mentlich eine Scene ans Hamlet; sie zeigen dieselben
Verdienste, dieselben Fehler, nur in ganz anderer Weise,
indem dort die Schatten übertrieben kräftig und schwarz
sind, wie hier zu schwach und zu farbig. Ein cigen-
thümliches Talent aber ist hier und dort nicht zu ver-
kennen.

W. Etty hat eine Stelle ans dem Ende des Ge-
dichts gewählt, und zwar nicht aus der Erzählung selbst,
sondern aus einer Beschreibung des Gartens der Hes-
periden, welche einer der Geister macht. Die Hesperi-
den tanzen unter dem Baume der goldenen Aepfel;
links liegt Adonis in süßem Schlummer, bewacht von
„der assyrischen Königin," rechts hält Amor die schla-
fende Psyche im Arm.' Dieses Bild ist bestimmt, in
einem Gartenhaus der Königin ai fresco ansgeführt zu
werden. Etty steht sehr hoch in der Gunst des engli-
schen Publikums, und nicht leicht wird ein Kunstfreund
seinen Namen in seiner Sammlung vermissen. Man
muß dies wissen, auch wohl einige seiner frühern Ar-
beiten gesehen haben, um vor einem Bilde wie dem ge-
genwärtigen nicht achtungslos vorüber zu gehen. Es ist
dies mit einer unglaublichen Vernachlässigung aller An-
forderungen der Kunst und Motivirung, Zeichnung,
Farbe und Ausführung hingeworfen, und nur in der
allgemeinen Anordnung und lebendigen Gruppirung das
Talent des Urhebers zu erkennen. Etty hat noch meh-
rere Bilder auf der Ausstellung: eine Eva, die sich im
Wasser spiegelt, halbnackte Mädchen, die Toilette ma-
chen, eine Art büßender Magdalena n. a. m. dergl. Ich
habe diese Bilder wiederholentlich und init Aufmerk-
samkeit betrachtet, aber vergebens nach irgend einer äch-
ten, ursprünglichen bildnerischen oder dichterischen Kraft
geforscht. Ich bin keinem Gedanken begegnet, der sich
der Mühe der Darstellung verlohnt hätte, und keiner
Darstellung, in welcher sich der Sinn für Wahrheit und
Schönheit der Bewegung, für die Entwickelung des
menschlichen Körpers durch dieselbe, der Sinn für Form,
Charakter und Ausdruck, ja auch nur der Sinn für
eine wahre oder wenigstens in irgend einer harmonischen
Weise gestimmte Färbung mir gezeigt hätte. Sehe ich
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