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Dienstag, den 17. Aecember 1844.

Architektur.

Bauriß des Klosters St. Gallen vom Jahre 820.
Im Faksimile herausgegeben und erläutert von
Ferdinand Keller. Zürich 1844.

(Fortsetzung.)

Weit der merkwürdigste Punkt des Ganzen ist die
Kirche, eine Basilika von 200 Fuß Länge und 80 Fuß
Breite (im Qnerschiff 120 Fuß). 22 Säulen (coiumnse)
trennen das Hauptschiff von den Nebenschiffen. Durch
eine Menge von Schranken (Gittern? oder niedrigen
Mauern?) gliedert sich die Kirche in zahlreiche Abthei-
lungen. Als Haupträume erscheinen zwei Chori und
ihnen entsprechend zwei Absiden an beiden En-
den der Kirche, jedenfalls eines der frühesten Beispiele
dieser später in Deutschland so verbreiteten Anordnung.1
Ob ein liturgisches Bedürfniß (Kugler denkt an den an-
tiphonarischen Gottesdienst) diese Verdoppelung hervor-
rief, ist zweifelhaft, da sich dieselbe in diesem Falle in
allen großen Benediktinerkirchen wiederfinden müßte,
während sie doch mehr bei den Kathedralen üblich ward.
Man mag sich den Ursprung derselben vielleicht eher so
denken, daß bei dem Iudrange des Volkes ein zweiter
Hochaltar nebst Zubehör in der Nähe des Hauptein-
ganges nvthig schien, damit der regelmäßige Gottesdienst
der Mönche im Ostchor nicht gestört werde. 2 Sonach

1 Eine bisher nicht beachtete Stelle des Gregor von
Tours (II, t k) erwähnt die Basilika, welche der Bischof Na-
matius in Clermont baute, und beschreibt sie als: in ante
(vorn) absidam habens rotundam. Aber dies vorn kan», je
nach dein Standpunkte des Beschauers, auch die Hintere, öst-
liche Tribüne bezeichnen, da vielleicht der Haupteingaug auf
dieser Seite war, wie beim Mainzer Dom.

" Dag ein solcher Uebelstand bisweilen gefühlt wurde,
beweist die Geschichte des Klosters Lobbes an der Sambre.
Hier baute, zufolge den Costa abbal. Lobiens. cap. 4, der
. ©. Ursmar schon um das Jahr 700 eine zweite Kirche
aus die Höhe, ad quam conflueret populus; nam illicitus —
apud aliam (bei der eigentlichen Klosterkirche) orat feininarnm

wäre der Westchor, wie später in Mehrern Kathedralen,
als Leutechor aufzufaffen, in dessen Nähe vielleicht auch
gebeichtet wurde. (Vergl. die im Nachtrag S. 37 an-
geführte Stelle aus Boifferse, in welcher unter andern
die sehr beachtenswerthe Hypothese aufgestellt ist, daß
vielleicht die Kirche des heil. Grabes in Jerusalem Anlaß
zu dieser Banfvrm gegeben habe.) Uebrigens soll nicht
geläugnet werden, daß sich an diese Anordnung ein an-
tiphonarischer Gottesdienst anschloß und daß daher der
größere, östliche Chor der des Abtes, und der kleinere,
westliche der des Priors hieß. In bedeutsamer Weise
enthält die Ostabsis den Altar des heil. Petrus, die
Westabsis jenen des heil. Paulus. Beide Absiden sind
von Außen mit halbrunden, ummauerten Höfen, pa-
radisi, umgeben, wovon der westliche der äußern Mauer
entlang mit einer Halle von acht im Halbkreis stehenden
Säulen versehen ist, an deren beiden Enden die Hanpt-
thüren der Basilika sich befinden; ganz ähnlich wie im
Kloster Laach, nur daß dort Hof und Kreuzgang nicht
halbrund, sondern vierseitig sind. Der östliche Hof da-
gegen ist ein leerer, wahrscheinlich mit Rasen zu bele-
gender Raum, der wohl keinen andern Zweck hatte, als
die Absis zu isoliren. Höchst schwierig ist nun die Deu-
tung des östlichen Chorus. Beide Chori waren unläug-
bar viereckige, mit Schranken umgebene, vielleicht um
etwas erhöhte Räume im Mittelschiff, zunächst vor den
Absiden, wie der im Schottenkloster S. Jacob in Rc-
genoburg noch theilweise erhaltene beweist. Der frag-
liche Ostchor aber nimmt nun nicht blos den Raum, wo
Kanzel und Lesepulte stehen, und das Mittelqnadrat des
Querschiffes ein,1 sondern auch einen um sieben Stufen

acccssus. Die zweite Kirche wurde zugleich zum Begräb-
nißplatz, chniierium fidelium, eingerichtet, „damit die Klo-
sterkirche nicht durch Leichen verunreinigt würde."

1 Dieses Quadrat, 40 Fuß in's Gevierte groß und blos
auf vier Säulen ruhend, kann unmöglich, wie der Heraus-
geber glaubt, mit einer Kuppel überwölbt gewesen scyn;
auch kommen Kuppeln auf deutschen Langkirchen vor dem

z.1, Jahrhundert überhaupt nicht vor.
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