Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 6.1895

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ANTIQUITÄTEN IN DEK MODERNEN HAUSEINRICHTUNG.

Sammler zu Gebote stehen. Selbstverständlich ist dabei,
dass man nicht den Anspruch erheben darf, alles was
man gerade sucht, im geeigneten Moment wie auf dem

Präsidentenstuhl im Reichstagsgebäude, ausgeführt von Kunsttischler
G. Oi.m, Berlin; Lederarbeit von Georg Hui.he, Hamburg.

Fräsentirteller dargeboten zu bekommen: alle diese Dinge
erfordern Zeit und Geduld. Man muss oft lange Jahre
sein Ziel verfolgen, bis man passende Stücke zusammen-
gefunden hat. Bei einer Erbteilung ist z. B. eine Folge
von Gobelins zerrissen worden, die uns wundervoll gepasst
hätte — jetzt handelt es sich darum, zu dem Torso, den
zu erwerben uns gelungen ist, die fehlenden Glieder, die
hier und daliin verstreut sind, mit List und Geduld hin-
zuzufügen. In den zahlreicheren Fällen, wo sich dies
Zusammenfinden ergänzender Stücke überhaupt als un-
möglich erweist, bleibt als einziges Mittel das Ergänzen
des Alten durch neue Arbeit. Hierzu sollten nur die
besten Arbeitskräfte verwendet und diesen volle Zeit
gelassen werden, sich in den Geist der alten Vorbilder
einzuarbeiten. Mustergiltig schien uns in diesem Falle
das Verfahren, welches wir im Palais des Barons
Edmund Rothschild in Paris zu sehen Gelegenheit hatten.
Diese prachtvolle Wohnstätte, fast ausschließlich mit
alten Vertäfelungen, Gobelins und Stoffen ausgestattet,
war vollendet bis auf den Gartensaal, für welchen eine
herrliche Regenee-Täfelung, denen des National-Archivs
ebenbürtig, Verwendung finden sollte. Vor den alten
Teilen, die bereits, soweit sie reichten, an Ort und Stelle
gebracht waren, hatten zwei Modelleure ihre Staffeleien
aufgestellt und bossirten in Thon die fehlenden Teile
angesichts der alten Vorbilder, um sie nach vielen Ver-
suchen als Modelle für die neu zu schnitzenden Teile zu
benutzen.

Der Eklekticismus, der als das Merkmal des heutigen
Geschmacks bezeichnet werden muss, erleichtert natürlich
das Anpassen der Innendekoration an ein maßgebendes
Hauptstück ganz wesentlich. Gab eine alte Barock-
Vertäfelung Anlass, den Salon in diesem Stile auszu-
statten, so werden wir keinem Bedenken begegnen, wenn
wir dem Speisesaal die Formen der italienischen Re-
naissance zu Grunde legen, einem schönen Cinque-cento-
Kamin zuliebe, wie sie in Italien gelegentlich noch
käuflich zu haben sind. Dabei ist die Form-Empfindung
ja im allgemeinen nicht so geschärft, dass ein Stil-
Unterschied von ein paar Jahrzehnten uns Bedenken
erregte, wenn es sich darum handelt, eine an sich schöne
alte Möbel-Gruppe diesem Renaissanceraume einzufügen.
Auch hier ist dem Stil-Purismus gegenüber die höhere
Instanz wieder der gute Geschmack. Dieser muss uns
auch hier davor bewahren, dass wir dem Alton zuliebe
die Bewohnbarkeit unserer Zimmer in Frage stellen.

Diese Gefahr liegt nicht so fern wie man glauben
möchte. Wir erinnern uns Säle gesehen zu haben, zu
deren Dekoration ganze Teile von Barock-Altären ver-
wendet waren, die nicht selten in den Handel kommen,
wenn eine puristisch gesinnte Kirchen-Herstellung aus
einer gotischen Kirche den gesamten Schmuck entfernt,
den der „Zopf darin angehäuft hatte. So schön und
stattlich diese vergoldeten Tabernakel mit ihren paus-
bäckigen Engeln an sich sind, so stimmen sie meist im
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