Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 6.1895

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M..S.

Berlin. Verein für deutsches Kunstgewerbe. In der
Sitzung vom 10. Oktober sprach Herr Geheimrat Professor
Dr. Lessing über die nächsten Ziele unseres Kunstgewerbes.
Der Inhalt des Vortrags entspricht im wesentlichen den
Ausführungen, welche der Redner unter dem Titel „Neue
Wege" im Oktoberheft unseres Blattes gegeben hat. Die
Sitzung war ebenso wie die folgenden so zahlreich besucht,
dass der große Saal des Architektenhauses kaum ausreichte
für die große Zahl der Besucher. Am 24. Oktober besprach
Herr Professor Döpler d. j. die Konkurrenz um eine Fahne
für die Maler-Innung in Berlin (s. nebenstehende Notiz).
Sodann gab Herr Direktor Dr. Jessen „Mitteilungen über
dekorative Malerei in Frankreich, England und Deutsch-
land". Der Redner wählte zunächst für Frankreich und
England zwei führende Meister, um an ihren Werken das
typische für die dekorative Bewegung in beiden Ländern her-
vorzuheben. Als solche Meister bezeichnet der Redner den
1SÜ2 verstorbenen Victor Galland und Edward Burne-Jones.
Die Ausführungen wurden durch eine große Anzahl Ab-
bildungen nach den Werken der betr. Meister erläutert.
Für Deutschland kann der Redner keinen führenden Meister
in der Art des Franzosen und Engländers nennen, da wir
die verschiedensten Strömungen bei uns beobachten könnten.
Der Redner glaubt jedoch, dass der neue Inhalt und die
neuen Tendenzen, die z. B. in der Bildermalerei um die
Herrschaft ringen, der Geist von Böcklin, Stuck, Klinger,
Thoma u. a. der richtig verstandenen dekorativen Malerei
neue Anregung verheißen und zu einer lebenskräftigen
Richtung führen werden, sofern für diese ein Entwicklungs-
feld sich finde. Der Vortragende schloss mit einem Hinweis
darauf, dass dabei immer die Einheit der Künste die Haupt-
sache bleiben müsse, und einer Erläuterung der ausgestellten
dekorativen Entwürfe von Prof. Max Koch, Max Seliger,
Karl Röchling, Professor Döpler d. j., Sütterlin, AVagner u. a.
In der Sitzung vom 14. Nov. hielt Herr Professor Döpler d. j.
einen Vortrag über Heraldik und ihre Verwendung im Kunst-
gewerbe im Anschluss an die z. Zt. im Kunstgewerbe-Museum
vom Verein „Herold" veranstaltete heraldische Ausstellung.
Ausgestellt war eine reichhaltige Sammlung von Zeichnungen
des Strassburger Künstlers Josef Sattler, von denen ein Teil
in der November-Nummer des Kunstgewerbeblattes bereits
veröffentlicht war. Dem Verein wurden von dem ver-
storbenen Architekten Rudolf Springer 10000 Mk. letztwillig
für allgemeine künstlerische Zwecke vermacht.

Berlin. In der Konkurrenz des Vereins für Deutsches
Kioistgeicerbe, um Entwürfe oder Modelle zu einem Metall-
sarg, welche der Verein für die Firma Solon & Co. ausge-
schrieben hat, haben erhalten: den 1. Preis (300 Mk.)
Zeichner Ernst Härring, den 2. Preis (200 Mk.) Bildhauer
Paul Mehnert, den 3. Preis (150 Mk.) Architekt R. Wisniewski.
Mit ehrenvoller Erwähnung wurden bedacht: Bildhauer
F. Dietrich, Kunstmaler August Glaser (München) und Maler
Franz von Hollaky. — In der Konkurrenz desselben Ver-
eins für den Entwurf einer Fahne für die Maler-Innung in
Berlin erhielt den 1. Preis (120 Mk.) der Entwurf des Kunst-
malers August Glaser in München, 2. Preise (je 50 Mk.) die
Entwürfe der Herren Maler Max Seliger und Eduard Liesen,
Zeichner für Kunstgewerbe in Berlin. Einen Zusatzpreis
von 50 Mk. erhielt der Entwurf des Zeichenlehrers L. Steiro-
wiez in Berlin.

Dresden. Dresdner Kunstgetoerbeverein. In seiner
Sitzung vom 25. Oktober d. J., die sehr zahlreich besucht
war, hat der Verein beschlossen, das „Kunstgewerbeblatt"
auf ein Jahr versuchsweise als Vereinszeitschrift zu wählen
unter vorläufiger Aufgabe des bisher alle 3 Jahre erschienenen,
künstlerisch ausgestatteten Jahresberichtes. Nach Schluss
der Generalversammlung sprach Herr Architekt Professor
Jean Pape über „Die Weltausstellung in Antwerpen 1S94".
Der Redner hob zunächst die günstige Lage der Ausstellung
hervor und gab an der Hand von Plänen und Abbildungen
ein Bild der Bauweise und Dekoration des Hauptausstel-
lungsgebäudes sowohl wie der Gesamtdisposition. Bei der
deutschen Abteilung war trotz des sonst guten Eindrucks
der Dekoration wieder der alte Fehler zu verzeichnen, der
mangelhaften, bunt durcheinandergewürfelten Anordnung,
woran der Redner die Bemerkung knüpfte, dass eine richtige
Anordnung nur allein durch eine diktatorische Kraft eines
Künstlers und Fachmannes zu treffen sei. Im Gegensatz zu
Deutschland hatte die belgische und, wie eigentlich immer,
vor allem die französische Abteilung systematische Anordnung
aufzuweisen. Der einheitliche Zug, der durch die französische
Abteilung hindurchging, zeichnete sich durch klare, über-
sichtliche Disposition der verfügbaren Räume aus. In der
österreichischen Abteilung fiel der Schwerpunkt auf die
Kunstindustrie, während die englische Abteilung mehr markt-
mäßig auftrat. Bei der Ausstellung des gewerblichen Unter-
richtswesens Belgiens fiel dem Redner auf, dass die prak-
tische Erziehung dort in den Vordergrund trete, somit dem
Anschauungs- und Handfertigkeitsunterrichte besondere Auf-
merksamkeit geschenkt werde. Nach der Schilderung der
Ausstellungen der übrigen Länder, der Schiffahrts- und
Maschinenabteilung, des zu einem großen, lärmenden Ver-
gnügungsplatze umgestalteten Gartens wandte sich der Vor-
tragende speciell „Alt-Antwerpen" zu, der ja bekannten, in
vorzüglicher und würdigster Weise vorgeführten und durch-
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