Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 6.1895

Page: 159
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>t.s.

-u- Berlin, Im Verein für Deutsches Kunstgewerbe

liielt atn Mittwoch den 27. März Herr Professor Wiese, Di-
rektor der KgL Zeichen-Akademie zu Hanau, einen Vortrag
„iilier die Kgl. Zeichen-Akademie xu Hanau in ihrer Wirk-
samkeit als Fachschule für die Edelmetallindustrie". Redner
gab zuerst einen kurzen historischen Abriss der Entwicke-
lung jener Anstalt, schilderte, wie dürftig ihre Leistungen
in früheren Zeiten gewesen seien, und wie besonders die
Verquickung der Zeichen-Akademie mit der Kunstgewerbe-
und Bauhandwerker-Schule ihre Entwickelung gehemmt
hätte. Erst nach der Loslösung der letzteren sei die Aka-
demie, zumal unter der Gunst des Fürsten Bismarcks als
Handelsministers, zu dem geworden, was sie jetzt sei,
eine Edelmetallschule im besten Sinne des Wortes. Die
ganze Lehrweise sei darauf zugeschnitten, die Schüler der
einzelnen Fächer sowohl zeichnerisch als praktisch zu brauch-
baren Arbeitern zu machen. Um diese Ziele zu erreichen,
besitze die Akademie Dank der reichen zur Verfügung
stehenden Geldmittel eine Vorbildersammlung von 34000
Einzelblättern und eine stattliche Bibliothek; und dass sie
diese Ziele erreicht, das beweise das ungeteilte Lob, was
]hr in französischen fachmännischen Berichten gezollt werde,
wovon Redner einige Proben mitteilte. Unter der Ungunst
der Zeiten, von der unsere gesamte Industrie betroffen werde,
habe auch die Akademie schwer zu leiden, sodass sowohl
die Schülerzahl als auch die Zahl der Betriebe in Hanau
bedeutend abgenommen hätten. Alles strebe nach der
Hauptstadt des Reiches, und so schloss Redner mit dem
Wunsche, dass die Zeit nicht mehr fern sein möge, wo in
Berlin eine Fachschule für Edelmetallindustrie gegründet
werden möge. Zur Erläuterung seines Vortrages hatte Red-
ner von den Schülerarbeiten seiner Akademie eine reiche
Auswahl ausgestellt, während die hiesigen Firmen: Hugo
Schapcr, .7. H. Werner. Louis Seh luftig. Hegen & Co. kost-
bare Stücke der Juwelierkunst beigesteuert hatten. Herr
Ciseleur Otto Bohloff'hatte einen Kunstschrein geliefert, Herr
-"■■ Stühle eine reiche Auswahl von Yereinsabzeichen. — In
der Konkurrent des Vereins um Entwürfe zu einem zusam-
mengehörigen Schmuck haben erhalten: den 1. Preis (80 Mk.)
Zeichner Ludwig Seipel, den 2. Preis (00 Mk.) Modelleur
Eugen Lapieng, den 3. Preis (40 Mk.) Juwelier Rudolph
Büttner. In der Konkurrenz um Entwürfe oder Modelle für
ein Vereinsabzeichen des Berliner Regatta-Vereins haben
erhalten: den 1. Preis (100 Mk. Bildhauer Heinrich Baum,
den 2. Preis (00 Mk.) Maler Georg Tippel, den 3. Preis

(40 Mk.) Kunstmaler August Glaser (München). Mit loben-
der Erwähnung wurden bedacht: Maler Carl Mickelait,
Maler Willi. Battermann, Maler Bruno Drabig, Maler Ju-
lius Voss, Zeichner Ludwig Sütterlin (für zwei Entwürfe),
Maler Ferdinand Breucha. Von diesen belobten Arbeiten
beabsichtigt der Berliner Regatta-Verein noch einige an-
zukaufen.

—u— Jierlin. Im Verein für Deutsches Kunstgewerbe
machte am Mittwoch, den 10. April, Herr Architekt Albert
Hofmann, Mitteilungen über den kunstgewerblichen Kongrcss
in Paris im Jahre 1894. Dieser Kongress von Vertretern
der dekorativen Künste hat vom 18. bis 23. Mai 1894 statt-
gefunden. Er teilte sich in drei Sektionen, deren erste, mit
dem Vorsitzenden Larroumet, beauftragt war, Mittel und
Wege zu studiren, welche zu einer Hebung der dekorativen
Künste in Frankreich führen könnten; deren zweite, mit dem
Präsidenten Barboux, mit dem Studium der auf das Kunst-
gewerbe bezüglichen Gesetze betraut war; und deren dritte
unter dem Vorsitz des stellvertretenden Rektors der Akademie
die Frage des künstlerischen Unterrichtes für die Kunst-
handwerker zum Gegenstand seiner Beratungen gemacht
hatte. Dass man es für zweckmäßig erachtet habe, den
Kongress einzuberufen, dürfe ein vielsagendes Zeichen dafür
sein, dass Frankreich auf dem Gebiete der dekorativen
Künste sich von den Fortschritten des Auslandes bedroht
sehe. Vielleicht dürfe man dem deutschen Kunstgewerbe
einen nicht unbedeutenden Anteil an dem Zustandekommen
des Kongresses zuschreiben. Der Kongress habe ein Jahr
nach der Weltausstellung in Chicago getagt, wo es Deutsch-
land nicht zum geringsten auf dem Gebiete der dekorativen
Künste verstanden habe, sich Frankreich, das in dieser Be-
ziehung ja über eine so reiche Vergangenheit verfüge, gleich-
wertig an die Seite zu stellen, wenn nicht es in mancher
Beziehung zu übertreffen. Eine ganze Reihe der Verhält-
nisse und Zustände, die der Kongress für Frankreich in den
Kreis seiner Beratungen einbezogen habe, sei auch in Deutsch-
land einer Reform bedürftig, vieles könnte noch weiter aus-
gestaltet werden und gerade der Erfolg in Chicago sollte
dazu ermutigen. Die Produktion Deutschlands sei Frank-
reich nicht mehr gleichgiltig, sondern Gleichgiltigkeit und
Verachtung hätten sich in Beachtung ja Besorgnis ver-
wandelt. Man habe den Ausdruck dieser Besorgnis erlebt,
als in Deutschland der Plan einer Weltausstellung aufge-
taucht sei; mit welcher Hast habe man sich beeilt, die
eigne, französische Ausstellung anzukündigen. Diese Hast sei
nicht dem einfachen und harmlosen Gefühl der Priorität ent-
sprungen, sondern dem Gefühl der Besorgnis, eine deutsche
Weltausstellung könne das schon stark angefressene Prestige
Frankreichs völlig zerstören. Wie die Dinge jetzt lägen,
habe Deutschland allen Grund, diese Zeichen und Stim-
mungen aufmerksam zu verfolgen. Eine solche Bedeutung
sei auch dem Kongress beizulegen. Die, welche berufen
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