Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 6.1895

Page: 161
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Thürband mit Kartusche, in der Wandelhalle des Reichstagsgebäudes.
In Bronze ausgeführt in der kunstgewerblichen Werkstatt von Paui. Stotz, Stuttgart.

DER KUNSTGEWERBLICHE KONGRESS DES JAHRES 1894 ZU PARIS.

;\ den Tagen vom 18—30. Mai
des vergangenen Jahres hat in
Paris auf Veranlassung der
Union centrale des arts deco-
rutifs und unter Leitung ihres
Vorsitzenden, Berger, ein kunst-
gewerblicher Kongress statt-
gefunden, der sowohl als Ganzes
wie in seinen einzelnen Be-
schlüssen symptomatisch und der eingehenderen Beach-
tung seitens der gleichen Kreise der mit Frankreich
auf kunstgewerblichem Gebiete konknrrirenden Staaten
wert ist. "Welche Wichtigkeit man in den in Frage
kommenden Kreisen in Frankreich dem Kongresse beilegt,
mag der Umstand beweisen, dass sich der bekannte
frühere Minister des öffentlichen Unterrichts und der
schönen Künste Spuller hat bereit finden lassen, die
Eröffnungsrede des Kongresses zu halten. Den Zweck
'""l die, Bedeutung des Kongresses erläuterte der Präsi-
dent Berger des Zentral-Vereins der dekorativen Künste.
In seiner Ansprache suchte er dem Grundsatze Geltung
*u verschaffen, dass das Kunstgewerbe der vollkommenste
und allgemeinste Ausdruck für die Anwendung des
Schönen auf das Nützliche sei. Die Franzosen lieben
ös, Erörterungen über wichtige Fragen durch allgemeine
Sentenzen rhetorisch auszuschmücken. Die tiefere Ver-
Kwwtgewarbeblatt. N K vi. ll. 9.

anlassung des Kongresses ist in einem Antrag ausgeführt,
den der Architekt Deslignieres stellte, und auf den noch
zurückzukommen sein wird. In diesem Antrage bezeich-
nete er den Franzosen als einen Menschen von Phantasie,
der schnell begreift, aber ebenso schnell bereit ist, zu
zerstören, was ihm mangelhaft erscheint, ehe er noch
daran gedacht hat, was an die Stelle des Zerstörten zu
setzen ist. Er nennt seinen Landsmann einen Stuben-
hocker, welcher sich leicht durch Pläne verführen lässt,
die sich in eine schöne Form hüllen, ohne zu untersuchen,
oli und mit welchem Erfolge diese Pläne schon ander-
weitig zur Ausführung gelangt sind. Ei' verlangt, man
solle an die Stelle des Neuschaffens die Vervollkommnung
setzen. Die genannten Eigenschaften werden als die
Ursachen bezeichnet, dass Frankreich durch das Ausland
überflügelt ist.

Die Frage, „was hat Frankreich für den Fortschritt
in der Kunstindustrie gethan und was das Ausland-
ist eine brennende geworden seit dem Jahre 1852, wo
sie . dem Grafen Leon Delaborde zuerst gestellt, und
von ihm zuerst nachgewiesen wurde, dass die steigende
Konkurrenz des Auslands die französische Wissenschaft
auf dem (iebiete der Künste bedroht und schließlich zum
größten Teil vernichtet hat Bei jeder folgenden Aus-
stellung, im Jahre 1855, 18G7, 1878 und 1889 ertönte
die Frage lauter und lauter bis sie nach Chicago zu

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