Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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NEUE ARBEITEN VON ALBIN MÜLLER IN DARMSTADT
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ALBIN MÜLLER, DARMSTADT HAUS BLÄSING IN SEEHEIM AN DER BERGSTRASSE

AUF DEM WEGE ZUR BÜRGERLICHEN KULTUR

EINES der wichtigsten Anzeichen, daß wir uns
auf dem Wege zu einer neuen bürgerlichen
Kultur befinden, ist das Erwachen der Städte.
Die Städteverwaltungen haben die Zügel, die nicht
nur das innere, sondern auch das äußere Stadtgebilde
regieren sollen und den Fürstenhänden im Laufe der
Zeit langsam entglitten waren, wieder an sich ge-
nommen. Sie haben erkannt, daß in den vielen Jahren
des führerlosen Interregnums, während dessen die
Städte, wenigstens äußerlich, wild aufwuchsen und der
Willkür gewinnsüchtiger Spekulanten preisgegeben
waren, viel gesündigt worden sei. °
□ Das deutsche Bürgertum, als dessen natürliche
Vertretung die Städte anzusehen sind, besinnt sich
damit auf seine persönlichste Aufgabe. Waren doch
in früheren Jahrhunderten die Handelsleute und
Künstler, die Zünfte und Handwerker, also die ur-
sprünglichen Bürger, in erster Linie zum selbständigen
Stadtregiment berufen und ihrem emsigen und ein-
mütigen Fleiße entsprang die hohe, nie wieder er-
reichte Blüte der städtischen Kultur. Formal war der
Anteil dieser Kreise an der Bestimmung der Stadt-
geschehens bis in unsere Zeit wohl immer noch vor-
handen, doch wurde er, als eine von »oben« diktierte
Kunstgewerbeblatt. N. F. XXII. H. 1

und gegängelte Pflicht, nur mehr oder weniger me-
chanisch und ohne wahren Zusammenhang erfüllt.
Denn produktiv kann eine Pflichterfüllung nur dann
sein, wenn ihre Vorbedingungen und ihre Notwendig-
keit innerlich erlebt wurden und man sie freiwillig
ausübt. Dieser Zeitpunkt der persönlichen Belebung
städtischer Kulturarbeit scheint jetzt gekommen zu
sein, und die lautesten und erfolgreichsten Weckrufer
sind unsere Künstler. D
o Ihnen ist es gelungen, das Bürgertum davon zu
überzeugen, daß die Stadt nicht eine unvermeidliche
Anhäufung von Einzelansiedelungen, die man allein
mit polizeilichen und verwaltungstechnischen Maß-
regeln zusammen und in Ordnung halten kann, sei,
sondern gewissermaßen den Generalnenner darstellen
muß, in dem jeder Einzelne nicht nur körperlich, son-
dern auch ästhetisch und wirtschaftlich restlos auf-
gehen kann. Erst dann, wenn diese Einheit gefun-
den sein wird, können wir zu einer geistigen und
ästhetischen Ökonomie gelangen; erst auf dieser ge-
meinsamen Basis wird es dem einzelnen möglich
werden, seine besonderen Eigenschaften, seine persön-
liche Individualität wirklich fruchtbringend zu ent-
wickeln. □

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