Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU

einmal werden wir auf den Plan treten müssen. Sei es
in Tokio, wo es besonders scharf hergehen wird. Zer-
splittern wir uns daher nicht inzwischen an kleinen und
kleinsten Weltausstellungen. Die Zurückhaltung der großen
Staaten in Brüssel, überhaupt auf europäischen Aus-
stellungen, umfaßt die Aufsparung der Kräfte für Tokio.
□ Lullen wir uns nun nicht durch Eigendünkel und Selbst-
beweihräucherung in süßes Träumen ein; der Kampf und
Tanz beginnen erst. Die Erde ist wirtschaftlich und po-
litisch noch nicht endgültig aufgeteilt. Arbeiten wir ge-

trost weiter, um uns unsern Anteil zu sichern. Friedliche,
fruchtbringende Arbeit zeitigt die größten und von Dauer
begleiteten Eroberungen. Soweit meine Nachlese, die im
Rückwärts- und Vorwärtsschauen — auch Prähistorisches,
Geschichtliches und Zeitliches, Okzident und Orient be-
rühren sich überall mit Mahn- und Aufmunterungsrufen —
den Weg suchen und bestimmen helfen will, der uns weiter
zu Erfolgen führen soll. Die werden aus dem Aschen-
brödel die Prinzessin machen, deren weiche und liebende
Hand sich beschwichtigend über die Völker legen möchte.

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EIN SCHWEIZER BUNDESGESETZ ÜBER DEN
VERKAUF VON GOLD- UND SILBERWAREN?
□ Der Verband der schweizerischen Goldschmiede hat
zusammen mit den Genfer Schmucksachen-Fabrikanten und
-Händlern an die Bundesversammlung eine Eingabe ge-
richtet über den Erlaß eines Bundesgesetzes, die ganz ähn-
liche Maßnahmen bezweckt, wie die vom Verfasser vor-
geschlagenen (vgl. Kunstgewerbeblatt Juli 1910). Wichtig
ist vor allem die in der Eingabe vorgesehene Bestimmung,
daß nur wirkliche Gold- und Silberwaren (mindestens 750
Tausendteile Gold und mindestens 800 Tausendteile Silber)
zum Verkauf zugelassen sein sollen und daß alle Waren
die Verantwortlichkeitsmarke des Fabrikanten oder Händ-
lers tragen müssen, sowie daß Doublewaren als solche
genügend gekennzeichnet sein müssen und zwar folgender-
maßen: »Doublierte Waren müssen deutlichdie eingegrabene
Bezeichnung »double« tragen und zwar muß die Buch-
stabenhöhe mindestens 1 mm Höhe betragen; sollten die
Gegenstände hierzu nicht genug Raum darbieten, soll an
ihnen ein Täfelchen angebracht werden, das die Bezeich-
nung »double« trägt. Ebenso muß jeder versilberte Gegen-
stand deutlich die Bezeichnung »metal« tragen.« Die nächste
Bestimmung entspricht vollständig der vom Verfasser vor-
geschlagenen: »Jeder, der ein Einzelverkaufsgeschäft mit
Gold- und Silberwaren betreiben will, muß dem Eid-
genössischen Amt für Gold- und Silberwaren hiervon
Mitteilung machen, welches über jedes Geschäft oder jede
Gesellschaftsfirma ein Verzeichnis zu führen hat. Der Ge-
schäftsführer ist verpflichtet, das Gesetz an einer in die
Augen fallenden Stelle seines Verkaufsraumes auszuhängen«.
□ Die Eingabe sieht endlich auch eine Übergangsfrist vor:
für den Verkauf der Bestände an Gold- und Silberwaren
mit niedrigerem Feingehalt wird eine Frist von 3 bis 5
Jahren gewährt, von dem Inkrafttreten des Gesetzes ab
gerechnet. Um die Double- und versilberten Waren mit
den Vorschriften des Gesetzes in Übereinstimmung zu
bringen, wird eine Frist von einem Jahre gewährt. □
Dr. HEINRICH PUDOR.
AUSSTELLUNGEN
Frankfurt a. M. Im Ausstellungssaal des Kunst-
gewerbemuseums hat die Firma Ph. J. Jungmanns Nachf,
C. Wolff, eine Ausstellung von Tapeten veranstaltet und
mit ihr in gedrängter Auswahl, geschmackvoll und über-
sichtlich angeordnet, ein Spiegelbild vom gegenwärtigen
Markte gegeben. Die verschiedenen Herstellungsländer
sind berücksichtigt; ebenso die einzelnen Techniken. Neben
Maschinendruckfabrikaten sind solche in Handdruck aus-
gestellt. Im Dekor wechseln ältere stilistische Motive mit
modernen, von Künstlern entworfenen. Die Darbietung
gibt in ihrer großen Mannigfaltigkeit mancherlei zu denken.
Was bei der durch eine erste Firma sozusagen aus dem

Leben herausgegriffenen Auswahl auffällt, ist die starke
Vertretung von solchen Tapeten, die andere Herstellungs-
stoffe imitieren. Und es sind nicht die billigsten unter
ihnen, die uns diese Täuschung vor Augen führen! Da
gibt es in Japan und Amerika fabrizierte »Ledertapeten«,
die, erstaunlich raffiniert, Korn und Farbe des Leders nach-
ahmen. DeutscheTekko-Fabrikate geben Seitenstoffe wieder,
andere Tapeten sind in Verdure- oder Cretonnemanier ge-
halten. Alles technisch vorzügliche Leistungen, denen nur
das Charakteristikum anhaftet, Ersatz und Imitation eines
Besseren, Wertvolleren zu sein. Man braucht nun nicht
gerade puritanische Gesinnung zu hegen, man mag sich
auch zugestehen, daß in der Geschichte der Tapete die
Vortäuschung eines anderen Werkstoffes von jeher eine
Rolle gespielt hat — angesichts der Überhandnahme und
Beliebtheit solcher Nachahmungen muß sich aber das
künstlerische Gewissen regen und das Verlangen nach
Ehrlichkeit laut werden. Auf der Ausstellung kann man
an charakteristischen Proben den Weg ersehen, den die
moderne künstlerische Tapete eingeschlagen hat, ohne daß
sie es verleugnet, eine Wandbekleidung aus Papier zu sein.
Vor allem kommen da die ausgezeichneten englischen
Tapeten von Morris in Betracht und solche, welche moderne
deutsche Künstler entworfen haben. Morris wollte be-
kanntlich von Maschinen und Fabrik nichts wissen; die
modernen Künstler arbeiten für diese. Es liegt im Wesen
der Industrie, daß sie fortgesetzt nach immer größerer
technischer Fertigkeit strebt. Das verleitet sie zu tech-
nischen Spitzfindigkeiten und zu Imitationen. Auf einem
solchen Wege gibt es aber keine dauernde Entwicklung.
Die technische Vervollkommnung der Tapetenindustrie
sollte vielmehr bloß auf Erhöhung des stofflichen Wertes
der Tapete und auf Dauerhaftigkeit der Farben ausgehen.
Die Ausstellung führt eine prächtige englische Tapete vor,
aus starkem, geschöpftem Papier, großgemustert. Diese
hat, schon fürs Auge gesunden Werkstoffcharakter, wobei
alles Kalte und der Eindruck von Billigkeit wegfallen.
Vor so einer Tapete wird es kaum jemandem einfallen,
statt ihrer die Imitation eines Gewebes zu verlangen.
Natürlich wird in künstlerischer Beziehung stets ein ge-
wisser Zusammenhang zwischen Bespannstoffen und Papier-
tapeten bestehen, da beide Wandbekleidungen bezüglich
ihrer Muster gleichen Grundsätzen unterliegen. Falsch ist
aber die Nachahmung der Struktur des Gewebes durch
die Tapete. Was die Weiterentwicklung der modernen
Muster anlangt, so wäre für viele Zwecke eine bedeuten-
dere Linienführung erwünscht, ebenso das Eingehen auf
mannigfaltigere künstlerische Aufgaben, wie z. B. Aufteilung
der Wände, Einbeziehen des Plafonds usw. Eine Ein-
wirkung moderner dekorativer Malerei, wie sie gegenwärtig
durch einzelne bedeutende Künstler wieder auflebt, ließe
sich auch denken; sie ist noch nicht zu spüren. Die mo-
derne Tapetenindustrie steckt noch voller Probleme, t.

Für die Redaktion des Kunstgewerbeblattes verantwortlich: Fritz Hellwag, Berlin-Zehlendorf
Verlag von E. A. Seemann in Leipzig — Druck von Ernst Hedrich Nachf., g. m. b. h. in Leipzig
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