Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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NEUE BUCHEINBÄNDE VON PAUL KERSTEN
Von Hugo Kracik, Frankfurt a. M.

WENN ich es hiermit unternehme, einige neue
Bucheinbände Paul Kerstens, dem Lehrer an der
Kunstklasse der Berliner Buchbinder-Fachschule,
vorzuführen und textlich zu begleiten, so setze
ich voraus, daß dieser mit so seltener Energie begabte
und immer vorwärts drängende Kunstgewerbler den Lesern
dieser Zeitschrift, sowie allen Liebhabern künstlerischer
Bucheinbände längst aufs Beste bekannt ist. Unzählig sind
seineQanzlederbände, welche er mit seinen selbstentworfenen,
immer fesselnden, ornamental geistreichen Flächenlösungen
schmückte. Seine überaus erstaunlich produktive Frucht-
barkeit innerhalb der verschiedenartigsten Erzeugnisse nebst
seiner vielfachen, gewandten Fachschriftstellerei bedeuten
für die ganze Buchbinderei eine nicht zu unterschätzende
Hebung und Förderung derselben. Auf dem Gebiete der
Handstempel waren seine verschiedenen eingreifenden Re-
formen geradezu bahnbrechend, da diese Stempel in eine
gewisse Erstarrung des Renaissancegeschmackes geraten
waren. Die Herausgabe dieser Neuheiten besorgte die
bekannte Firma Dornemann & Co.-Magdeburg. Die letzten
diesbezüglichen Dessins waren stark im englischen Ge-
schmack gehalten. Neben den Erfolgen seiner praktischen
Lehrtätigkeit hatte der Künstler vor allem solche auf den
verschiedenen Ausstellungen zu verzeichnen. Zur inter-
nationalen Kunstausstellung in Dresden 1901 lud man ihn
zwecks Beschickung ein: das erste Mal, daß überhaupt
auf einer solchen Ausstellung ein Kunstbuchbinder zuge-
lassen wurde. Man zeichnete ihn mit einem Diplom als
ehrende Anerkennung aus. ln Turin erhielt Kersten neben
den vielen ausländischen Kunstbuchbindern als Einziger
die goldene Staatsmedaille, ebenso die goldene Medaille
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in Dresden 1906 u. a. m. Groß ist die Anzahl seiner von
den verschiedensten Kunstgewerbemuseen angekauften Ein-
bände als dauernder Bestand dieser verschiedenen Institute.
Die diesjährige Brüsseler Weltausstellung gab Kersten Ge-
legenheit, für dieselbe ca. 30 Bucheinbände zu entwerfen
und auszuführen, leider bekam er hier aber nur für sechs
Stück den Platz zugewiesen. Von diesen für die Aus-
stellung gearbeiteten Bänden wollen wir einige im Bilde
vorführen und ihren künstlerisch ästhetischen Werten einige
Worte widmen. Daß die fachtechnischen, rein praktischen
Qualitäten dieser Kerstenschen Erzeugnisse erstklassig in
jeder Beziehung genannt werden müssen, bedarf wohl
kaum der Erwähnung, ist er doch neben dem feinsinnigen
Ornamentisten wohl mit unser erster Praktiker und ja auch
Autor eines der besten und wertvollsten fachtechnischen
Lehrwerke, welche die Buchbinderei überhaupt besitzt
(Paul Kersten, Der exakte Bucheinband, Verlag von Wilh.
Knapp, Halle a S. 1909). □
□ Wenn wir des Künstlers neue Arbeiten betrachten,
wissen wir fast nicht, was mehr an ihm zu bewundern ist:
die produktive Kraft betreffs seiner geradezu verblüffend
vielseitigen, ornamentalen Kunst oder seine immer ge-
schmackvollen, fein empfundenen Farbenkompositionen.
Kersten wiederholt sich in seinen Formideen niemals, noch
nicht einmal in den feinsten Details, aber immer ist das
Konstruktive in seiner ornamentalen Hand vergoldunglogisch,
klar und selbstverständlich. Mit einem ihm eigenen Takt
findet er stets den gebotenen Mittelweg zwischen einem
gewissen Überreichtum in der dekorativen Wirkung der
Ornanrentation, wie in der Materialverwendung und -Wirkung
innerhalb seiner Ganzlederbände und — einer abstrakten,

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