Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

Seite: 31
DOI Artikel: DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbeblatt1911/0038
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
EINE AMTSKETTE VON ERNST RIEGEL IN DARMSTADT

31

solches der Maschine sofort erkannt wird. Man ist
aber heute so weit, Maschinenspitzen dem Laien als
Handspitzen anzupreisen. Mit anderen Arbeiten ge-
schieht das auch, es sei nur an galvanoplastische
Nachbildungen erinnert, deren Technik direkt zu
Unlauterkeiten verleitet hat. Dieses Gefühl schon er-
stickt ästhetisches Empfinden. □
□ Daß die Maschinentechnik gerade in ihrer Teil-
arbeit eine willkommene und auch die Grenzen
haltende Helferin sein kann, zeigen uns auch gewisse
Möbel neuerer Zeit, so namentlich Bureaumöbel, Kom-
binations-, Maschinen- und Typenmöbel, die sämtlich
Knappheit und Solidität der Ausführung in sich ver-
einigen. Auch in ihnen liegen materialtechnisch-
ästhetische Werte formaler Art, für die eine geistige
Vorarbeit geleistet worden ist, und zwar in weit
höherem Maße vielleicht als für das Einzelmöbel, das
lediglich durch Handwerkstechnik entsteht. Die Massen-
ware der ersteren Art erhält Unbekannt und Genossen,
die der letzteren der persönliche Besteller. Damit
kann natürlich nicht gefolgert werden, daß diese
Arbeit nun unbedingt höher stehe als die Maschinen-
arbeit. Bildet ein Erzeugnis in sich eine Einheit, in
der alle Teile harmonisch zum Ganzen stimmen, so

ist es ästhetisch befriedigend ohne Rücksicht auf seine
Entstehung. Unsere Empfindung wird aber weiter
gesteigert durch kostbares Material, ihm ebenbürtige
Technik und durch nichts behinderte Benutzbarkeit.
Schönheit kann in jeglichem Gewände daherschreiten,
es kommt nur darauf an, daß wir sie erkennen und
empfinden. Folgedessen darf sie uns wegen ihrer
Wesensart nicht im unklaren lassen; hält eine material-
technisch-ästhetische Nachprüfung nicht stand, das
heißt, versucht die äußere Hülle innere Unwahrheiten
zu decken, dann ist die Enttäuschung nach dem ersten
Schönheitsempfinden um so größer. Das ist der Fluch
der Imitation in der Vorspiegelung falscher Tatsachen.
Es ist die Arbeit auf Schein und Täuschung. Maschinen-
wie Handarbeit können beide dem Konzession machen,
indem sie ihre Rollen tauschen. Bleiben sie sich selbst
treu, dann haben sie schon durch den materialtech-
nischen Prozeß eine Anwartschaft auf ästhetischen
Einschlag gewonnen. Das Ergebnis wird um so be-
friedigender sein, je weniger unser Gesamtempfinden
dadurch aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Der
ästhetische Reiz hat seine Resonanz zugleich in dem
Grundzuge unserer Gesinnung.
K. H. O.

DIE AMTSKETTE DES OBERBÜRGERMEISTERS DER STADT LEIPZIG
Von Dr. Otto Pelka

FÜR das Oberhaupt der Stadt Leipzig wurde vor
kurzem von einem Leipziger Bürger eine goldene
Amtskette gestiftet. Aus einer engeren Kon-
kurrenz ging Emst Riegel als Sieger hervor. Die
Bedeutung Riegels auf dem Gebiete moderner Edel-
schmiedekunst eingehend zu erörtern, hieße längst
bekanntes unnötig wiederholen. Wir beschränken
uns daher darauf, den Abbildungen einige erläuternde
Bemerkungen hinzuzufügen. □
□ Als Material gelangte nur 18-karätiges Gold und
Feingold sowie verschiedenfarbiges Email zur Ver-
wendung. Die Komposition der eigentlichen Kette
will den Gedanken der künstlerischen Darstellung
einer turmbewehrten Stadtmauer zum Ausdruck bringen.
Zwölf Kettenglieder, bestehend aus dreireihigem
Mauerwerk, dessen Quadern mit Kettengliedern an-
einanderbefestigt sind, verbinden zwölf weitere Glieder,
von denen vier die von zwei Mauertürmen flankierten
Symbole von Kunst, Handel, Industrie und Wissen-
schaft in Gold auf blauem Emailgrund aufweisen.
Das vordere Mittelglied zeigt, ebenfalls von zwei
Türmen umschlossen, das gekrönte sächsische Wappen
in buntem Email. Die mit Emblemen geschmückten
Glieder wechseln ab mit Schilden, in denen eine
stilisierte Linde, das Wahrzeichen Leipzigs, auf weißem
mit goldenem Spiralornament gemustertem Grunde
steht. An den unteren sieben Schilden hängen sieben
kleine Medaillons mit den Buchstaben des Wortes
Leipzig in Gold auf blauem Grunde. An dem

Mittelschild mit dem sächsischen Wappen hängt an zum
Teil ornamentierten Ketten ein großes Medaillon in der
Form eines gestreckten Sechsecks mit dem Leipziger
Stadtwappen in farbigem Email unter einem breiten
Lorbeergewinde. Umrahmt wird das Wappen an drei
Seiten von einer Girlande aus Lindenblättern, deren
Flächen aus 36 geschliffenen Malachiten in Kasten-
fassung bestehen und auf durchbrochenem goldenen
Rankenwerk ruhen. Auf der Rückseite des Wappen-
schildes liest man die Widmung des Stifters, des Geh.
Kommerzienrates Philipp, an die Stadt. □
□ Die Photographie ist, wie fast immer bei Schmuck-
gegenständen nicht imstande, über technische Einzel-
heiten und die koloristische Wirkung Auskunft zu
geben. So gehen z. B. die Farbenunterschiede des
grünen, roten und gelben Goldes vollständig verloren;
auch die Wechselwirkung des opaken und transluziden
Emails, von denen das erstere für die beiden Wappen,
die Turmdächer und den Grund der Lindenschilde
verwendet wurde, wird aufgehoben. Technisch ist
bei der Herstellung der Kette die einzige der Natur
des Goldes entsprechende Behandlungsweise, die Treib-
arbeit, ausgiebig zur Anwendung gekommen. So sind
sämtliche Mauerquadern, die Flächen der großen
Glieder, die Türme — bis auf die hervorstehenden
Teile -—, die Wappenschilde und der Lorbeerkranz
hergestellt. Die übrigen ornamentalen Einzelheiten,
wie die Rahmen um die großen Glieder und die
Füllung über dem Stadtwappen, ferner die ösenartigen

5
loading ...