Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

Page: 58
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbeblatt1911/0065
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU

KQ
Oo

»Je mehr es gelingt, den Wert dieser Fertigfabrikate zu
erhöhen, desto höher steigt nicht nur der Wert des Ex-
ports, sondern auch der Wert der Arbeit, die in sie hinein-
gesteckt wird, und der Gewinn, der aus den Rohprodukten
herausgeholt wird. Desto lukrativer wird also die Arbeit
und desto besser ernährt können die Menschenmassen
werden. Der Wert der Fertigfabrikabrikate wird aber ein
desto größerer, je mehr Kunst in sie hinein gearbeitet
wird. . . . Die Frage der bestmöglichen Ernährung der
wachsenden Menschenmassen spitzt sich also daraufhin zu,
die Industrie mehr und mehr zu veredeln und die rein
gewerbliche Industrie zu einer Kunstindustrie zu machen.«
Dazu ist zunächst zu sagen, daß der Wert des aus einer
gegebenen Rohstoffmenge zu erzeugenden Fabrikats doch
eben durch nichts anderes als durch Arbeit — Arbeit irgend
welcher Art — gesteigert werden kann. Auch die auf die
Herstellung eines Gegenstandes verwandte »Kunst«, der
Pudor die wertvermehrende Wirkung zuschreibt, ist Arbeit,
geistige Arbeit nämlich. Also kann nicht umgekehrt der
höhere Wert der Fabrikate den Wert der Arbeit steigern.
Wie Pudor hier gleich am Ausgangspunkt seiner Ausein-
andersetzungen die Kausalzusammenhänge umkehrt, das
ist charakteristisch für ihn. Er vermag sie auch im wei-
teren Verlaufe nicht richtig zu sehen. Aber weiter: Wert-
steigerung der industriellen Produktion durch Kunst oder,
wie er’s an anderer Stelle mit einem leeren, nichtssagenden
Schlagwort ausdrückt: »Ästhetisierung der Industrie.« Das
arme Wort »Kunst«, das so viel mißbraucht wird. Statt
daß wir’s uns aufsparten für die freien Schöpfungen ge-
staltender Phantasie, in denen das Unaussprechliche zu
uns spricht, nennen wir’s »Kunst«, wenn ein Schreiner
einen anständigen, wohl proportionierten Tisch fertig ge-
bracht hat. Wenn an einem gewerblichen Erzeugnis der
Gebrauchszweck mit der Arbeit und dem Material überein-
stimme und eine Harmonie ergebe, meint Pudor, so sei
das Kunst. Er wird es sich gefallen lassen müssen, daß
wir diese Deutung als eine ganz willkürliche ablehnen.
Übrigens ist er sich selber nicht klar darüber, was er eigent-
lich darunter versteht. Im Material, schreibt er, läge das
»ästhetisch Schöne«, nicht in der Form. Aber seine in
demselben Satze gegebenen Beispiele — die ästhetische
Durchbildung der Bogenlampenformen und der elektrischen
Maschinen der A. E. G. durch Peter Behrens — zeigen,

daß eben gerade die Formengebung das Entscheidende
ist, denn Lampen und Maschinen werden nach wie vor
aus dem gleichen Material hergestellt, nur jetzt eben in
ihrer äußeren Gestaltung geschmackvoller als ehedem.
Später wirft Pudor dann diese ganze Kunsttheorie kurzer-
hand über Bord und schreibt, das »Winken mit der Kunst«
nütze nichts, auf »solide Arbeit« käme es an (S. 47). Na
also. Warum dann erst der viele Spektakel! Warum
Plattheiten wie diese: »Kunstwerke zu exportieren bringt
mehr Geld ein als Hosenschnallen und Eisenbahnschienen
zu exportieren.« Und wenn er sagt, Deutschland jage
immer noch dem Phantom der größtmöglichen Billigkeit
nach, so ist das eine Behauptung, für die er nicht nur den
Beweis schuldig bleibt, sondern die in dieser Allgemein-
heit auch objektiv falsch ist. Statt des -— von ihm ver-
muteten — Grundsatzes: nur billig, wenn auch schlecht!
empfiehlt er den anderen: teuer, aber gut! Darin steckt
nun zwar ein gesunder Kern, aber wollte man ihn ohne
weiteres zur Richtschnur der deutschen Produktion machen,
dann wäre das sicherlich auch wieder verkehrt. Die Ent-
wicklung des — zeitlich und örtlich unendlich differenzier-
ten — Bedarfs kann auf seiten der Industrie nicht kurzer-
hand um einer noch so schönen abstrakten Theorie willen
außer acht gelassen werden. □
□ Trotzdem liegt in diesem Hinstreben zur Qualitäts-
produktion ganz unzweifelhaft das Zukunftsproblem der
deutschen Volkswirtschaft. Nur ist das keine Entdeckung
Dr. Pudors1)- Werner Siemens und Alfred Krupp haben
das Prinzip schon um die Mitte des neunzehnten Jahr-
hunderts mit Wort und Tat vertreten und seitdem hat es,
trotz gelegentlicher Rückschläge, bald auf diesem, bald auf
jenem Gebiete vorwärts rückend, immer mehr an Boden
gewonnen, nicht um blutleerer Doktrinen willen, sondern
aus der Konsequenz der Tatsachen heraus. Und wenn
wir heute wieder darum ringen, ihm erweiterte Geltung
zu verschaffen, dann wird Uns das nur soweit gelingen,
wie die Tatsachen reif dafür sind, nicht aber nach dem
Universalrezept Dr. Pudors. □

1) Es berührt wenig sympathisch, wie er an allen
möglichen Stellen seine Autorschaft an diesen Gedanken
zu konstatieren sucht. Er steht damit auf anderer Schul-
tern und wir stehen jedenfalls nicht auf den seinen.
(Schluß folgt.)

KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU

o Berlin. Eine Ausstellung von Frau Edda Wiese-Char-
Iottenburg brachte bemerkenswertes Neues im Gebiete der
Kunststickerei. Ihre auf Flächenwirkung zielende Be-
strebung hat schon früher gestellte Aufgaben anders zu
lösen versucht, das zeigt z. B. ein Ofenschirm »Vase mit
Kätzchen«. Am persönlichsten äußert sich die Künstlerin
in ihren Applikationsbildern: »Kantstraße bei Abend«,
»Pappelallee«, »Familienbad in Heringsdorf«, die, nach ge-
nauer Naturbeobachtung, in einen Applikationsstil übersetzt,
doch das ursprünglich Lebendige bewahrt haben. Farbig
und zeichnerisch besonders wirkungsvoll ist die Sopraporte
»Kamele in der Wüste«; als Karawane vorüberziehend,
heben sich die Silhouetten der Führer und der in charak-
teristischer Paßgangbewegung schreitenden Tiere gegen
den rotgold glühenden Himmel ab. Bei diesem wie bei
dem Straßenbilde ist ohne Malerei, nur mit Hilfe von duf-
tigen Chiffons, ein ausgezeichneter Beleuchtungseffekt er-
reicht. M- l.

□ Magdeburg, Kunstgewerbeverein. Am 9. November
fand ein Diskussionsabend für die Mitglieder des Vereins
und ihre Gäste statt, an dem Dr. P. Schmidt über Fayence
und Majolika sprach. Er erklärte die Herkunft dieser
Namen, die beide ungefähr die gleiche Art von Kunst-
töpferei bezeichnen, und die technische Herstellung der
echten Majolika, deren Charakteristikum die deckende
(Zinn-) Glasur auf grobem Scherben ist. Vor allem sprach
er über die verschiedenen Arten der Majolika, die dem
Orient schon im Altertum bekannt war, von den Moham-
medanern, namentlich in Persien, Kleinasien und Spanien,
im Mittelalter zu hoher Blüte gebracht und dann von den
Italienern im 15. und 16. Jahrhundert in ganz anderem
Geiste ausgebaut wurde. Wesentlich anders gestaltete
sich wieder die Fayence im 17. und 18. Jahrhundert unter
den Händen der Holländer, Franzosen und Deutschen.
Hier lief sie auf einen Ersatz und Nachahmung des kost-
baren chinesischen Porzellans hinaus. Als von Böttger
loading ...