Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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ERNST NEUMANN UND SEINE SCHULE

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ERNST NEUMANN UND SEINE
SCHULE
ERLIN huldigt bekanntlich dem »Amerikanis-
mus«. In dieser Stadt mit ihrem ungeheueren
Durcheinander von Geschäft, Sensation, kul-
tureller Prätension und verblüffender Ruhmlosigkeit
geht es zu, wie in einem Variete. Es »arbeitet«
immer jemand vor dem Publikum. Wer eben an
der Reihe ist, der konzentriert mit einer gewissen
Selbstironie seine ganze Kraft auf die wenigen
Handgriffe, die ihm in der kurzen Spanne Zeit
öffentlicher Aufmerksamkeit möglich sind; weiß er
doch, daß das Publikum schon wieder auf die
nächste Sensation wartet, bevor noch die erste vor-
bei ist. Dann setzt für einen Moment die Musik
(das heißt die Reklame) aus, und dann kommt der
große Haupttrick. Zu kurz für den Ausführenden,
zu lang doch für die Zuschauer, die schon wieder
andersartigen Ereignissen entgegeneilen, im Lauf-
schritt die noch feuchten Zeitungsblätter erhaschend,
die über den Wert des eben Gesehenen berichten.
Wohl demjenigen, dessen »Arbeit« den Kritikern,
die hier von einem Begeisterungsrausch in den an-
deren taumeln sollten, Stoff zur Prägung eines ein-

drucksvollen Schlagwortes, eines Signets bot. Dies
wird dann wie ein Warenzeichen in die öffent-
liche Meinung eingetragen und dem Glücklichen
angeheftet. Mag er dann sehen, wie viel Kapital
er daraus schlagen kann. Vorwärts, Tempo,
weiter! Lasse er sich’s aber nicht einfallen, mit
etwas Neuem, Andersartigen zu kommen, das sich
nicht mit dem verliehenen Schlagwort registrieren
ließe. Er wäre sofort erledigt, denn er hätte den
unverzeihlichen Fehler begangen, in die Waren-
zeichenregistratur des Großstadtgehirns Unord-
nung zu bringen. Er fliegt mitsamt seiner an-
gehefteten, und nie und durch nichts korrigier-
baren »Marke« blitzartig in die Versenkung,
verlacht von seinen Mitbewerbern, die »beschei-
dener« ihr Schäfchen zu scheren verstehen. Er
hat vom »Amerikanismus«, oder besser von dem,
was man in Berlin dafür ansieht, wenig begriffen;
denn, wer einmal mit Handschuhknöpfen oder
Schweineschmalz Erfolg hatte, der produziere
Handschuhknöpfe und Schweineschmalz bis an
sein seliges Ende, oder — sein Ende wird ein
unseliges sein. o
□ Das ist für einen echten, lebenswarmen Künst-
ler ein sehr schlimmes, die Kraft aussaugendes,
vergiftendes Milieu, das sich leider schon längst
über die »Provinz« auszubreiten beginnt. (Nur
ein Kitscher vermag munter in ihm herumzu-
plätschern, vergnügt alljährlich zwei Dutzend der-
selben, einmal »in Aufnahme gekommenen«
»Mondscheinnächte am Chiemsee« oder »Hollän-
dische Fischerbarken« auf den Kunstmarkt fahrend.)
Wie unendlich schwer mag es aber demjenigen
werden, sich zu behaupten, der, sich als Künstler-
persönlichkeit fühlend, gar in den Dienst dieser nach
Sensationen hastenden, turbulenten Öffentlichkeit tritt!
□ Ernst Neumann ist ein tüchtiger Künstler, mit
einem stark impulsiven Innenleben begabt, und des-
halb besonders der Gefahr ausgesetzt, in diesem nüchtern
klappernden Berliner Kunstgetriebe auf einen toten
Punkt zu geraten. Sein guter Stern führte ihn erst
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