Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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LUCIAN BERNHARD

Von Ernst Schur

I.
DIE moderne, soziale Entwicklung, deren zen-
trale Vereinigung die Großstadt darstellt, hat
einen neuen Typus des Künstlers geschaffen,
n Der Künstler der früheren Zeiten war ein roman-
tischer Geist, der, weitabgewandt, sich seinen Träu-
mereien hingab, von herrischen Ichgefühlen über-
wältigt. Dieser Künstler stand abseits; er klagte die
Welt an, die an ihm vorüberging. Er schuf in Ein-
samkeit. □
n Mag man nun über die neue Entwicklung denken,
wie man will: Der Künstler der Gegenwart, dieser
neue Typus, steht mitten in der Welt. Und gerade
da, wo das mächtig flutende Gegenwartsgetriebe ihn
umbraust, da fühlt er neue Kräfte erwachen. Er
horcht auf die Stimmen des Alltags. Er sieht die
Schönheiten der nutzbaren Dinge. Mit Bewußtsein
strebt er hin zu dieser Berührung mit der unmittel-
baren Wirklichkeit, von der er weiß, daß sie ihm
neue Dinge sagen wird, neue Möglichkeiten auf-
zuzeigen bereit ist. Er ist darum auch bescheidener,
selbstloser, vertrauender und hoffender als der Künstler
der früheren Zeiten. □
□ Luciati Bernhard gehört dieser neuen Generation
von Künstlern an. Er hat diese drei Notwendig-
keiten: Technik, Publikum, Fabrikant begriffen. Wenn
er auf Widerstand stößt, so gibt ihm das nicht Grund
zur Klage, sondern ist ihm Aufmunterung, von neuem,
immer von neuem dagegen anzuarbeiten. Und er
macht bei sich den Anfang, sich selbst zu einer
Klarheit und Notwendigkeit zu erziehen, zu einem
Stil. Damit fügt er sich organisch in den Organis-
mus der Großstadt ein, die gerade solche willens-
tätigen, bewußten Künstler braucht. □
II.
n Bernhards spezielles Verdienst besteht darin, daß
er der Plakatkunst neue Wege gewiesen hat. □
□ Es war hohe Zeit, daß wieder ein Anreger kam.
Ein Künstler, der es verstand, aus dem bisher Ge-
gebenen gewissermaßen ein Fazit zu ziehen. Bern-
hard gab nicht eine Variation mehr. Er machte sich
die Erfahrungen der früheren Jahre zunutze. Er ist
nicht denkbar ohne sie. °
□ Bernhard kommt von der Praxis her. Er will
nicht so sehr das Künstlerische betonen, als das Tech-
nische. Er gibt dem Zweck entsprechende, vollendete
Graphik. Und indem er so sich den Zwecken dienst-
bar macht, ist er einem neuen Stil auf der Spur,
einem Stil, der so schlagend und einfach ist, daß er
die Fabrikanten wieder zwingt, aufzumerken, daß er
das Publikum nötigt, hinzuhören. Dieser praktische
Erfolg ist der beste Beweis. Er ist um so höher zu
bewerten, als der Kritiker den künstlerischen Wert
bestätigen muß. °
□ Wir haben selten solche Künstler, die eine Zucht
über sich selbst ausüben, die sich den Zeitideen im
besten Sinne dienstbar machen. Meistens beginnt

in jedem Einzelnen eine Entwicklung, die jäh ab-
reißt. So bleibt alles in Anfängen stecken. Es ist
Kulturgewissen in Bernhard Er hat die flächige, fein-
farbige Wirkung eines Heine, des ersten und besten
deutschen Plakatkünstlers. Er fügt dem eine ameri-
kanische Note an, die breite Linie, die derbe Kontur.
Und amerikanisch ist auch die Schlagfertigkeit und
Knappheit seiner Ideen. Dadurch empfiehlt er sich
besonders den Firmen, die ihre Erzeugnisse mit einer
seltenen Wucht dargestellt sehen, die unwillkürlich
imponiert. Solch ein Plakat ruft dem Vorübereilenden
ein Malt zu. □
u Einen Augenblick schien es, als sollte die Be-
wegung, die auf eine Hebung des Plakats abzielte,
langsam einschlummern. Wohl erschienen noch zu-
weilen Plakate, die das Nachwirken der neugewonne-
nen Tendenzen deutlich aufwiesen. Die kleineren
Kunstzentren schlossen sich dem Vorgehen von Mün-
chen und Berlin an. Aber nichtsdestoweniger blieb
der Eindruck bestehen, daß die Bewegung nur künst-
lich noch am Leben erhalten würde. a
□ Dabei wurden die künstlerischen Prinzipien des
modernen Plakats lange und eingehend behandelt.
Wir sehen den französischen und den englisch-ameri-
kanischen Stil. Die französischen Plakatmaler strebten
mehr, malerisch zu sein; die Engländer und Ameri-
kaner waren linearer, flächiger, sie setzen breite Linien,
große Flächen hin. Bei den Franzosen entzückt uns
die Leichtigkeit, mit der ein Moment beobachtet ist.
Bei den Engländern und Amerikanern wird die Sache
energisch in den Vordergrund gerückt. Sie sind be-
wußter. In Deutschland wurde das Plakat nach diesen
Vorbildern geschaffen. München ging voran, Berlin
folgte. München folgte mehr der malerischen Ten-
denz, seinem innersten Wesen entsprechend. Die
Farben und Linien der modernen Bilder wurden für
die Straße nutzbar gemacht. Nur Heine ließ merken,
daß das feinflächige, englische Plakat auf ihn Einfluß
ausübte. Berlin folgte, zuerst unsicher, dem Vorbild.
Es wurde Tüchtiges geleistet, das Eigentlich-Charak-
teristische blieb aus. Dabei war gerade Berlin der
Boden für ständige, laute Reklame, geschäftliche Propa-
ganda. Man ahnte, daß die Linie und die Fläche
breiter und entschiedener noch in den Vordergrund
treten könnten. Aus der sprichwörtlich gewordenen
berlinischen Nüchternheit ließe sich ein sachlicher
Stil gewinnen. Da die Fabrikanten mit Vorliebe ihre
Erzeugnisse auf den Ankündigungen dargestellt wissen
wollen, mußte ein Künstler kommen, der die Fabri-
kanten an dieser Stelle packte, der es verstand, dem
abkonterfeiten Gegenstand künstlerisches zu geben.
Dies alles wußte man. Und man wußte noch viel
mehr. Deutlichkeit, schlagende Wirkung, energische
Führung der Linien, Sichtbarkeit der Farben — all
das sind jetzt selbstverständliche Forderungen. Alles
Kleinliche, allzu Genaue muß vermieden werden, da
die vorüberflutende Menge zum Sehen verlockt wer-
den muß und schnell lesen und begreifen will. Und
damit das möglich wird, muß das Plakat sich aus
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