Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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NEUE SEZESSION

Bild angebracht würde, das einen anderen Geist atmet,
als den des 12. Jahrhunderts. Welch ein Standpunkt! Es
spricht sich darin eine falsche Pietät aus, wodurch wir mit
unseren Bauten uns selbst geschädigt haben. Betrachten
wir nur an einem Beispiel, was dabei herauskommt. Wer
kennt nicht Kölns kunsthistorisch bedeutendste Kirche
Maria im Kapitol. Hier wirkt die blaugrüne Grundstim-
mung der Malerei im Hauptschiff geradezu entsetzlich,
von den aufdringlich gemusterten Säulen, die die Seiten-
schiffe umstehen, gar nicht zu reden. Ganz gleich: es ist
»echt«! »echte« Romanik des 18. Jahrhunderts. n
n Der nüchtern denkende aber warmfühlende Mensch
kann sich für solche Dinge, und wenn sie noch so
»echt« sein mögen, nicht erwärmen. Das steht für mich
fest, daß die romanischen Malereien in alter Zeit unmög-
lich die Wirkung der heutigen sogenannten »echten« Ma-
lereien gehabt haben können. Schon durch die Tatsache,
daß die damalige Bau- und Putztechnik nicht die jetzige
Vollendung erreichten, daß also die Wandfläche durch
ihre weniger glatte Behandlung schon in sich eine feine
Abschattierung zeigte, ferner durch ungleichmäßiges Auf-
trägen, andere Beschaffenheit der Farben und was alles
mit gesprochen haben mag, wird die Wirkung eine völlig
andere gewesen sein als die unserer heutigen Nachahmun-
gen. Zudem konnten die Alten in ihren Farben ohne
Bedenken lebhafter gehen, weil durch die kleinen Fenster
niemals die lichtvolle Wirkung unserer Gotteshäuser er-
reicht wurde. St. Gereon in Köln ist ja annähernd ein
Beispiel hierfür. Hier wirken die kräftigen Töne und die
harte Zeichnung ganz erträglich, weil immer ein Halb-
dunkel im Hauptschiff herrscht, welches vermittelt. q
□ Wenn wir uns doch endlich einmal ehrlich zugestehen
wollten, daß nicht alles, was die Alten schufen, — nament-
lich was sie gemalt haben, — vergötterungswürdig ist.
Tatsächlich aber gibt es Schwärmer, die vor dem klein-
sten Fragment romanischer Malerei oder einem Scherben
gotischer Plastik in die Knie sinken, an wirklichen Taten
neuer Kunst aber unberührt vorübergehen. Wie viele Männer
unserer Zeit auf einflußreichem Posten vertreten diesen
Standpunkt. Man kritisiert unsere Kunst so gern und offen,

und über die Schwächen alter Meister schweigt man sich aus.
□ Trotz alledem! es gibt Kulturträger unter unseren Künst-
lern. Wie eine Erlösung von altem, drückendem Joch muß
man es daher empfinden, wenn man die lebensfrische Be-
strebung beispielsweise Dresdner Künstler verfolgt, die mit
inniger Hingabe an ihr Werk ««re Gotteshäuser schufen. Sie
haben den vollen Beweis erbracht, daß die geistige Kirche
dadurch keinen Schaden erleidet. Das Unantastbare der
Kirche ist nicht ihr Außeres, wie man ja auch den inneren
Wert des Menschen nicht nach seinem Kleide bemessen
kann. So darf und soll ein Kirchenbaukünstler zum Kultur-
träger seiner Zeit werden. □
d Zum Schlüsse sei noch hingewiesen auf die Umbauung
des altbekannten romanischen Portals am Freiberger Dom.
Ich bin sicher: hätte man zehn Baukünstler vor diese Auf-
gabe gestellt, neun hätten versucht, die mustergültige Ar-
chitektur der Pforte nachzubilden. Zum Glück tat das
dieser ,Zehnte“ nicht: er schuf mit kühnem Geiste eine
Umbauung im Sinne seiner Zeit, — Kulturträger. Gerade
diese Nebeneinanderstellung der verschiedensten Kunst-
werte großer Jahrhunderte ermöglicht späteren Generationen
einen bildenden Vergleich. Eine Größe kann man nur
an der anderen messen, um von ihr die richtige Vorstellung
zu erlangen. So haben die Baukünstler der Renaissance
und des 18. Jahrhunderts auch empfunden und in richtiger
Erkenntnis darnach gehandelt. Wollen wir uns das für
alle Zeiten vorbildlich sein lassen. □
□ Aus diesen kurzen Ausführungen geht hervor, daß wohl
kaum einer so berechtigt ist, an den Kulturaufgaben seiner
Zeit mit zu arbeiten, als der bildende Künstler. Wer
aber indirekt mitarbeitet, das ist der Kunstförderer. Wir
finden bei den Naturvölkern die Anfänge der Kunst, je
höher ein Volk geistig steht, desto vollkommener seine
Kunstleistungen. So sind Kultur und Kunst nicht zu trennen.
Keine Kultur ohne Kunst, keine Kunst ohne Kultur. In
der Verbindung die Einheit. Schauen wir nur auf das
Griechenland des Altertums und das Italien des Mittel-
alters. Kulturträger der, der die Kunst zu solchen Taten
drängt, Kulturträger der, der solche Werte schaffen hilft
durch Geistes Kraft. □

DIE NEUE SEZESSION
(MALEREI UND RAUMKUNST)
Von Ernst Schur-Berlin

ENTSETZEN packt den Kritiker, der durch diese
Räume schreitet, in denen die Neue Sezession sich
produziert und ich habe noch kein ruhiges, vernünf-
tiges Wort darüber gelesen. Ist es nicht immer das
alte Lied und sollten die Herren, die zum Urteilen bestimmt
sind, nicht davon lernen? Überhaupt: kann eine Kunst
sich so sehr aus dem Zusammenhang der Zeitkultur her-
ausstellen, daß sie schlechterdings neu, unbegreiflich ist?
Ich glaube nicht. Ich glaube, in unseren Gehirnen liegen
die Hemmnisse. □
o Nun wird man sicher meinen, ich ginge mit den Neu-
Sezessionisten durch Dick und Dünn. Das ist gleich immer
das landläufige Urteil. □
o Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, daß ich
hier einen Zusammenhang sehe mit anderen, bedeutsam
sich regenden Zeitbestrebungen. Diesen Zusammenhang
sehen die Kritiker nicht, weil sie Fachmenschen sind. Sie
besprechen Bilder. Aber das neue Kunstgewerbe, die
neue Raumkunst ist ihnen unbekannt. Der für das Kunst-

gewerbe wirkende Kritiker aber verachtet das Bild über-
haupt. Ich aber bin kein zünftiger Kritiker, ich liebe die
Kunst, ich bin ein Liebhaber und wo ich etwas finde, das
mich reizt, notiere ich mir meine Ideen und Empfindungen,
o So sage ich, diese neue Malerei strebt offenbar zum
Dekorativen hin, sie ist vom modernen Kunstgewerbe, von
der Raumkunst, die beide dem einfach realistischen Bild,
auch dem impressionistischen mit seinen feinen Reizen
abhold sind, beeinflußt, sie will den Anfang einer neuen,
muralen Moumentalkunst setzen. Und weil sie ein An-
fang ist, stammelt sie, übertreibt sie; aber in all ihren
Falschheiten ist ein richtiger Kern. □
□ Jawohl, sie mögen nicht zeichnen können, diese jungen
Draufgänger. Sie mögen Nachahmer sein und die Manier
ihrer Vorbilder breittreten, verzerren, diskreditieren. Den-
noch kommt ein Zeitstreben in ihnen zur Erscheinung.
Sie wollen ja gar nicht regulär einen Kopf hinzeichnen.
Sie wollen ja gar nicht ein Bild geben, das nun unsere
Wände in kleinen Zimmern intim belebe. Sie wollen große
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