Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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PETER BEHRENS UND DIE A.E.O.
Von Fritz Hellwag

MAN spricht so viel von einem neuen Stil, der
uns aus der Maschinenarbeit kommen werde,
und fragt so oft, wer denn nun eigentlich
diesen Stil schaffen solle, der Künstler oder die Ma-
schine? □
□ Was ist denn ein Stil? Er ist der gemeinsame
Ausdruck zunächst eines Volkes, oder der einzelnen
Völker für sich, und dann des Empfindens der ganzen
Zeitperiode; letzterer ergibt sich wohl aus den ge-
meinsamen Bestandteilen der einzelnen Volksstile. Die
nationalen Stile und der Zeitstil folgen nicht etwa
chronologisch aufeinander, sondern sie entwickeln
sich ziemlich gleichzeitig neben- und miteinander,
wenn auch der Zeitstil naturgemäß erst später in die
Erscheinung tritt. Beide Stile sind eigentlich erst in
der Vergangenheit deutlich bestimmbar. Leichter noch
ist der Volksstil für diejenige Nation, die ihn besitzt,
während der Zeit des Besitzes oder des Entstehens
zu erkennen, als wie der Zeitstil, der zum kritischen
Erfassen eine viel größere Distanz erfordert. □
□ Das nationale Empfinden, dessen vereinfachter
Ausdruck ja eben der Volksstil sein soll, wird sehr
wesentlich beeinflußt durch die ökonomischen und
politischen Bedürfnisse des Volkes. In der ersten
Hälfte des vorigen Jahrhunderts z. B. bestanden diese
Bedürfnisse des deutschen Volkes in der Notwendig-
keit, jene ungeheure Schädigung, die ihm durch das
napoleonische Regiment widerfahren war, mit äußer-
ster Genügsamkeit und Sparsamkeit wirtschaftlich aus-
zugleichen und ferner politisch durch den engeren
nationalen Zusammenschluß einer Wiederholung sol-
cher Schädigung vorzubeugen. Dieses, einem gemein-
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samen Bedürfnis entsprungene nationale Empfinden
fand seinen Ausdruck, also seinen Stil, in der Kunst des
Biedermeiers und in der Genremalerei des Kleinbürger-
tums; letztere wurde sogar exportfähig, sie schlug also
gleichgestimmte Saiten des internationalen Empfindens
an und trug demnach Merkmale des Zeitstiles an sich.
Hatten doch die große französische Revolution und
Napoleon der ganzen Welt die Notwendigkeit ge-
zeigt, zur Bescheidenheit zurückzukehren und in allen
Nationen das Bürgertum zu reorganisieren. (Die Begrün-
dung des Deutschen Reiches dagegen hat uns leider
keinen nationalen Stil gebracht, weil sie keine monu-
mentale Tat des Volkes und nicht die direkte Erfüllung
jener früheren Bedürfnisse, sondern ein »Kabinett-
kunststück« war; und zweitens keinen Zeitstil, weil
sie im internationalen Reigen keinen allgemeinen
Schrittwechsel, sondern nur ein verspätetes »Richtung-
nehmen« der deutschen Nachzügler bedeutete.) —
Gegenwärtig hat unser deutsches Volk das ökonomische
Bedürfnis, seinen Export, der durch die notwendige
Entwickelung zum Industriestaate bedingt wird, zu
erweitern und zu festigen. o
□ Ein Stil, der Ausdruck der Nation, findet sich aber
nicht so leicht, wie mancher denkt. Der Übergang:
(die Konvention) von einem Zeitempfinden zum an-
dern muß gesucht, geformt und fleißig gefördert
werden. Man kann ihn propagieren, wie es z. B. Fichte
und Arndt in der Politik und Goethe und Semper
in Literatur und Kunst taten. Gewaltsam aber kann
man eine Konvention, d. h. einen gemeinsamen Ent-
schluß: von einem Empfinden zum anderen überzu-
gehen, nicht erzwingen. (Deshalb blieb die Revo-

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