Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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Alte Form eines Ventilators der A. E. G.

Peter Behrens, Die neue Form

ALFRED MESSEL

ALFRED MESSEL VON EUGEN KALCKSCHMIDT

IHM war es beschieden, dem Charakter der Zeit ein
Monument zu erbauen, nicht schlechter als Schlüter
die verklingende Ära des Großen Kurfürsten in der
stolzen Front des Berliner Schlosses monumentalisierte,
und nicht weniger zeitgemäß, als Schinkels geniale Klassi-
zismen die nüchterne Spree geadelt haben. Messels Wert-
heimbau erscheint neben diesen historischen Zeugen be-
deutsam nicht nur als baukünstlerischer Ausdruck neuer
Bedürfnisse, sondern er versinnlicht zugleich den Übergang
des Mäzenatentums aus Fürstenhand in die Hände des
Bürgertums, genauer: in die der bürgerlichen Geldaristo-
kratie. Der große Kaufmann, der für Massenbedürfnisse
vorzusorgen hat, tritt als Besteller für Baukunst ebenbürtig
neben Staat und Kirche, er erteilt seine Aufträge souverän
wie ein Fürst, aber in größerem Maßstabe wie ein Fürst
von heute. Messel hatte das Glück, die größte derartige
Aufgabe in der größten Stadt des Reiches zur Lösung zu
erhalten. Er löste sie, indem er, der Eklektiker von innerem
Beruf, sich gleichsam dem Schwünge des Problems ge-
fangen gab und derart weit über seine natürliche schöpfe-
rische Anlage hinausgeführt wurde — bis zum Wunderbau
Wertheim am Leipzigerplatz. n
□ Es ist ganz lehrlich, an der Hand der ersten größeren
Monographie über Alfred Messel das langsame schöpfe-
rische Erstarken dieser von Hause aus nicht gerade eigen-
willigen Begabung zu verfolgen. Mit neunzig ausgezeich-
neten Abbildungen geschmückt, liegt der Versuch von Walter
Curt Behrendt im Verlage Bruno Cassirer vor: ein sehr
gescheit gegliedertes, sachlich kritisches Buch, das Karl
Schefflet- mit einer reiflichen Betrachtung eingeleitet hat.

Er sieht in Messel nach langem Interregnum einen neuen
Vertreter der spezifischen Berliner Bautradition, deren
letzter Repräsentant Schinkel war. Aber Messel hat in
seinen besten Bauten nicht an Schinkel sondern an dessen
unmittelbare Vorgänger angeknüpft, an Langhatisens Bran-
denburger Tor, an Gentzens Alte Münze, an Gillys Bauten
und alte Stadthäuser um 1800. Das leuchtet zwar weniger
beim Wertheimbau ein, in dem gotische Konstruktions-
gedanken mit barock naturalistischen Schmuckmotiven eine
seltsame Zweckehe eingegangen sind; dafür stimmt es aber
bei den hinterlassenen Entwürfen für die neuen Museums-
baulen, und besonders bei den großen Geschäftsbauten
und den vollendet vornehmen Berliner Stadthäusern, etwa
dem Hause Simon, Kretzer, oder der Villa Oppenheim in
Wannsee. °
□ Der Baumeister, der diese ganz zurückhaltenden, stillen
Priatbauten schuf, hätte als gefeierter Schöpfer des schönsten
Warenhauses Raum zu den ausfahrendsten Extravaganzen
gehabt. Man wird kaum fehlgehen, auch bei manchem
seiner Bauherren derartige Hoffnungen zu vermuten. Aber
Messel blieb traditionell gebunden und offenbart erst bei
näherem Zusehen, daß seine »Stilarchitektur« ein bißchen
ganz persönliche Musik erklingen läßt, daß sie einen Rhyth-
mus der Verhältnisse in sich hat, der lebendig durch-
empfunden ist und lebt. □
□ Und so merkt man tatsächlich mit einiger Beschämung,
daß die Bescheidenheit dieses Mannes vor den großen
Schatten der Vergangenheit noch keineswegs ein akademi-
sches Versagen seiner eigenen Erfindungskraft bedeutet. Er
hatte das Gefühl, die banalisierte Formensprache der Ver-
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