Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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WASSERALFINGER KUNSTEISENGUSS-RELIEFS
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recht satt bekommen. Es haben zu allen Zeiten ehe-
dem die Künstler für ihre Zeit Stoffe bearbeitet, und
weil sie dies taten, sind sie verstanden und beschäftigt
worden.« So schrieb Weitbrecht aus Rom und es
wurde sein Glück, daß der Silberwarenfabrikant Peter
Bruckmann ihm in seinem Hause in Heilbronn Unter-
kunft und Beschäftigung gab. Hier erholte sich der
junge Künstler von der erquälten Antike und labte
sich an dem geraden, schwäbischen Familienleben des
Hauses Bruckmann, das ihn zu vielen intimen zeich-
nerischen Schilderungen veranlaßte. Und als Weit-
brecht die Berufung nach Wasseralfingen bekam, um
die dortige kgl. Eisengießerei künstlerisch zu beleben,
da hatte er auch das Material gefunden, das seiner
anspruchslosen Art und seinen ins Relief erhobenen
schwerflüssigen dekorativen Entwürfen am besten ent-
sprach, das Gußeisen! Von der pseudoantiken Mar-
morkühle desgöttergleichenThorwaldsen zum schwarzen
Eisenguß, ein weiter Weg, und bis die bedrängte
Künstlerseele ihn fand, war ihr eigentlicher Schwung
vorbei, doch fand sie nach anfänglicher Verarbeitung
von Motiven aus der Antikenzeit den Weg zur Heimat
Schwaben zurück, dessen beschaulich ländlichem Leben
in vielen dekorativen Entwürfen erschöpfender Aus-
druck gegeben wurde. n
□ Aber das Hauptverdienst Weitbrechts — und das
indirekte seiner Lehrer, die ihm mit ihrer falschen

Antike die hohe Kunst verleidet hatten — war es,
daß er sich in seiner Not der Eisentechnik mit großer
Liebe hingab, unermüdlich die künstlerischen Möglich-
keiten des Materials erforschend. Von Weitbrecht und
seinem besten Schüler Chr. Plock datiert die erfolg-
reiche Wiederbelebung der Eisengußtechnik in Schwaben.
□ Weitbrecht, anfänglich noch in der antikisierenden
Art seiner Lehrer befangen, versucht mit gutem Er-
folg die pathetische Geste und die wallenden Ge-
wänder ins Rundfließende des Eisengusses umzustili-
sieren, und es gelingt ihm oft ausgezeichnet, die Mitte
zwischen linearer und flächiger Gestaltung zu finden
und den stumpfen Reflexen wellige Schatten entgegen-
zustellen, wie es eben der Eigenart des ganz mit
Unrecht so verachteten Materials entspricht. Sein
Schüler Chr. Plock ist ihm in der Ursprünglichkeit
der Komposition wohl überlegen und reicher an Ein-
fällen, doch ist er in der Beherrschung des Materials
nicht ganz so glücklich. Auf alle Fälle dürfen wir
an diesen Vorbildern auch in kunstgewerblicher Hin-
sicht unsere reine Freude haben. □
□ Die besten Entwürfe der beiden Künstler sind der
Vergessenheit entrissen und können durch die Hof-
kunsthandlung Ludwig Schallet■ in Stuttgart in vor-
züglichen Abgüssen des Königlichen Hüttenwerkes
bezogen werden. Wir finden da die reichste Aus-
wahl von Motiven aller Art. □
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