Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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DAS HAUS OTTO BLOHM IN HAMBURG


Periode des merkantilen Mißbrauchs seiner Gedanken
vorüber ist. Das Echte und Unverlierbare, das dieser
Ausgang unserer Wohnungskunst gesichert hat, ist
der Sinn für formale Wahrheit, für die Logik der
Dienste und Wirkungen aller Teile eines künstlerischen
Ganzen. Der bloße Formraub der vorigen Periode
wurde durch den Begriff des Formschaffens ersetzt.
□ Dieser Wert war unverlierbar und blieb oberste
Norm aller Arbeit, auch als es sich erwies, daß der
konstruktive Naturalismus auf die Dauer als Prinzip des
Schaffens nicht genügen konnte. Die bildende Kraft,
die an den elementaren Bedingungen ihrer Arbeit, an
der mathematischen und technischen Gestaltung der
Stoffe ihre Aufgabe im strengsten Sinne begriffen
hatte, wandte dies Grundgesetz nun auf die Funktion
der historischen Formen. Damit gewann die Raum-
kunst ein lebendiges und fruchtbares Verhältnis zur
Vergangenheit der Form und zur Geschichte der
kultivierten Lebenshaltung. □
n Sie gewann damit zugleich auch ein anderes, sehr
wesentliches: den Zugang zu denjenigen Volkskreisen,
von deren Teilnahme die fruchtbare Weiterarbeit ab-
hing, die sich ihr aber in den Anfängen der Bewegung
verschlossen hatten: die höheren Schichten des Bürger-
tums. Die junge Kunst und die vornehmen Lebens-
begriffe konnten erst jetzt zur Einheit verschmelzen.
Bis dahin hatten in der Gesellschaft des neuen
Deutschlands die Kräfte, die miteinander in orga-
nischem Wirken eine Kultur des äußeren Lebens
schaffen, Tradition, Reichtum und Kunst, gesondert
gestanden. Der Begriff der Wohnungskultur war in
seine Teile zerfallen. Das Erbgefühl für den Stil der
Wohnung verblieb bei der Umwälzung der gesamten
bürgerlichen Welt dem Adel. Hier wahrte man den
lheit und Angemessenheit der Lebens-
eschmack für das Echte und Solide,
:n Möbeln und den Begriff vornehmer
Aber hier war der Zusammenhang

mit dem Fortdrang der Zeit gering; das Gefühl für
Tradition wurde zum bloßen Willen der Bewahrung
überkommener Formen. □
n Das reiche Bürgertum anderseits, das mit dem Neu-
aufbau des wirtschaftlichen Lebens emporkam, suchte für
seinen Reichtum den Ausdruck in Prunk und Fülle der
Form und erreichte dieseAbsicht durch Usurpation der
französischen Stile und Ausbeutung des historischen
Erbes. Das Gefühl für das Angemessene der Form,
für das Wahrheitsverhältnis zwischen Leben und
Lebensausdruck war hier unausgebildet. Formhäufung
galt für Repräsentation, Materialüppigkeit für Schön-
heit. Berechtigt war bei allem nur der Wunsch nach
höherem Komfort, nach modernerer Befriedigung der
Bedürfnisse, als nach alibürgerlicher oder aristo-
kratischer Überlieferung möglich war. Aber man er-
kaufte diese Befriedigung um den Preis der prin-
zipiellen Formlüge. □
n Die Kunst ihrerseits, als sie daran ging, den neuen
Lebensverhältnissen neue Formen zu ersinnen, war
auf bescheidene Mittel und einfachste Aufgaben an-
gewiesen. Die Künstler fanden vielfach anfangs nur
im nächsten Bezirk, womöglich im persönlichen Leben,
die Möglichkeit, ihre Formgedanken zu verwirklichen.
Diese Herkunft aus Atelier und Künstlerwohnung,
Mietszimmer und Landhaus haftete der modernen
Wohnungskunst lange an. Der Zug zum Puritanischen
und Abstrakten im jungen Stil wurde dadurch ge-
steigert, und die materielle Beschränkung dieser für
Ausstellungen oder Ladenverkauf gearbeiteten Ein-
richtungen wirkte auch auf die Form. So fehlten
jedem der Gebiete die Momente der Korrektur und
Ergänzung. Bei solcher Scheidung der Kräfte kann
es eintreffen, daß Prunkräume tot und formlos wirken,
indes das einfache Wohnzimmer eines Künstlers im
Dachgeschoß eines Etagenhauses den edelsten und
geistigsten Begriff von der Raumschönheit unserer
Zeit verkörpert. o
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