Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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■j MODE UND KUNSTGEWERBE

□ Diese kunstgewerbliche Emanzipation, ursprünglich
durch die Notwendigkeit gegeben, ist nun von längerer
Dauer einzelnen Gebieten des Gewerbes gegenüber
gewesen, als es heilsam und richtig war. Sicherlich
hat sie der Mode, der Kleidung am längsten gegen-
über bestanden. Das Künstlerkleid, daß »Eigen«-
Kleid ist nichts als kunstgewerbliche Emanzipation,
meist bewußt, zuweilen naiv. Wenn man heute die-
jenigen, die das Eigenkleid noch tragen, einmal näher
betrachtet, so sind es nicht selten noch Emanzipierte,
— der Kunst, der Weltanschauung, der Politik . . . □
a Diese Emanzipation des Kunstgewerbes der Mode
gegenüber sollte aufhören; und seit einigen Jahren
ist man hüben und drüben einander schon freund-
schaftlich geneigt. □
□ Das Kunstgewerbe scheint sich von dem ideal-
theoretischen Standpunkt, den es anfangs besaß, ziem-
lich zu entfernen, es ist geneigt, Konzessionen zu
machen, die zu wagen, es jetzt genügend selbstsicher
sein kann. Die Erkenntnis, daß die Konfektion eben-
sogut ein Gewerbe ist, wie beispielsweise die Tisch-
lerei, und die Mode zur Konfektion in ähnlichem
Verhältnis steht wie die Raumkunst zur Möbelbranche,
leuchtet manchen ein. Dazu kommt, daß sich Mode
und Kunstgewerbe im praktischen Leben miteinander
berühren durch das Reklame- und Plakatwesen, mit
dem Karikaturist und Illustrator Zusammenhängen.
Und zwar bedarf die Mode heute stark der eindrucks-
vollen Zeichnung! Sie, die in früheren Epochen als
Königin von ihrer Gemeinde aufmerksam verfolgt
und ständig quasi »interviewt« wurde, beugt sich
heute zu demokratischen Mitteln herab, um ihre

Wirkung auszuüben. Ein Heer von Kunstgewerblern
und Zeichnern muß sie überall hineintragen; eigent-
lich ist sie in ihrer Wirkung auf die Masse fast
gänzlich vom Kunstgewerbe — des Druck- und
Plakatwesens abhängig. Diese wirtschaftliche Berüh-
rung zwischen Mode und Kunstgewerbe, der weit-
herzigere Standpunkt, den das Kunstgewerbe jetzt ein-
nimmt, bewirken also, wie gesagt, eine Annäherung.
□ Und noch ein Umstand mag günstig dabei mit-
spielen. Die Mode, die sich nicht nach stilistischen
Erwägungen, sondern nach Launen bisher richtete,
lief Gefahr, sich durch gegensätzliche Ideen — der
verschiedenen Häuser, die sie kreierten, selbst zu zer-
stückeln. Man sah, daß eine größere Selbstsicherheit,
ein bewußteres Vorgehen empfehlenswert sei. Daß
eine Interessengemeinschaft wenigstens für gewisse
Produkte notwendig würde. So werden zum Beispiel
die Modefarben der Saison seit langem durch Kon-
vente der Stoffabrikanten und tonangebenden Mode-
firmen bestimmt. Die Mode bewegt sich also längst
nicht mehr ausschließlich in Zufällen, sondern sie wird
zuweilen sehr bewußt geleitet. Auch daß ein so dem
Kunstgewerbler ähnlicher Typus, wie Poiret, sich
während einiger Zeit mit der Mode für gewisse Toi-
letten identifizieren konnte, mag als Beweis einer kunst-
gewerblichen Annäherung der Mode gelten. Typisch
aber für die Mode ist dennoch, daß Poiret bei den
Eingeweihten jetzt längst schon wieder »passe« ist.
□ Wenn man nun die leichte Annäherung von Mode
und Kunstgewerbe als Faktum annimmt, wie ist da
ein tieferer Anschluß in der Folge zu denken? □
□ Niemals wird sich die Mode vom Kunstgewerbe
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