Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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DAS TIER IN DER DEKORATIVEN KUNST

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oder, rein materialistisch betrachtet, ein Körper ohne Indi-
vidualität, eine Art Maschine. Den Einfluß der Forschungen
Darwins und seiner Theorie auf die Entwicklung der Kunst
festzustellen, ist heute, nach dem kurzen Zeitraum von
einigen Jahrzehnten, da diese Erkenntnis unsere Gedanken
belebt, unmöglich. Und doch hat diese Naturerkenntnis
auch jetzt schon vertiefend auf die Kunstanschauung der
Gegenwart eingewirkt, denn jene unorganischen Verwach-
sungen von artfremden Tieren, von Menschen- mit Tier-
körpern (Sphinx, Zentaur, Sirene usw.), sie sind in der
Formenwelt der Kunst unserer Zeit nur noch spärlich als
Motive zu finden. Diese aus Sage und Symbol ent-
standenen Bildungen der Überlieferung, mit welchen zu-
weilen in den seichtesten Epochen ein sinnloser Unfug ge-
trieben wurde, z. B. als Stukkatur zur Schmückung der
Hausfassaden in den Gründerjahren, sie sind durch das
verfeinerte organische Gefühl unserer Generation abgelöst
worden. Hier ist noch die Einwendung zu widerlegen,
daß in der Kunst die Erkenntnis der Wissenschaft nichts,
die Phantasie aber alles sei. Nun, die Kenntnis der Ana-
tomie des menschlichen Körpers, die doch auch zur Wissen-
schaft gehört, hat erst die Grundlagen zu einer vollkommenen
künstlerischen Darstellung der Menschengestalt gegeben.
□ Organische Treue ist heute das höchste Gesetz mit,
das für die vollendete Lösung eines Naturvorwurfs durch
die Kunst von Bedeutung ist. Und selbst an alten ge-
heiligten Formen und Überlieferungen erprobt der Geist
der neuen Zeit die Stärke seiner Kritik. Es war Friedrich
Naumann, der vor einigen Jahren in der -Hilfe« einen
seiner temperamentvollen Aufsätze »Die Engel in der Kunst«
dem zweiten Kongreß für protestantischen Kirchenbau unter-
breitete, mit dem Vorschlag, die Gestalt des Engels aus
der kirchlichen Kunst der Gegenwart auszuschalten. In
Naumanns eingehender Begründung dieses Vorschlages
steht einleitend der Satz: »Die äußere Gestalt des Engels
ist für die Gegenwart unerträglich geworden, weil sie allen
Erkenntnissen über den natürlichen Aufbau lebendiger
Körper widerspricht.« Und weiter heißt es: »Alle unsere
Schulkinder lernen den menschlichen Knochenbau in seinen
allgemeinsten Grundzügen kennen und unterscheiden sich
darin von ihren Vorfahren. Sie machen bewußt oder un-
bewußt den Versuch, die Flügel in diesen Knochenbau
unterzubringen. Dieser Versuch ist es, der für uns die
Engelsgestalt zur beständigen Quälerei werden läßt. — Jeder
normal gebaute Vogelkörper ist künstlerisch klarer und
wertvoller als der Flügelmensch. Dem Flügelmenschen
traut man weder zu, daß er fliegen kann, noch daß er
mit zwecklosen Flügeln herumlaufen darf. Er ist ein un-
erklärliches Wesen im schlechten Sinne des Wortes. Daß
ihn Künstler heute noch herstellen, spricht gegen die all-
gemeine Bildung dieser Künstler. Die Engel der Vergangen-
heit wollen wir ruhig stehen lassen, denn sie gehören in
die alte Phantasie hinein und haben dort ihr volles Recht.
Wer aber heute Flügelmenschen herstellt, ist ein Romantiker,
der mit der Gegenwart nicht lebt.« Im folgenden Teil
des Themas behandelt Naumann das Unhistorische der
üblichen Flügelmenschen vom religiösen Standpunkt aus.
d Deutlich ist in dieser Forderung der Einfluß der mo-
dernen Naturerkenntnis zu spüren. Unter diesem Einfluß
haben wir noch weiter erkannt, daß die Natur in ihren
Gebilden weit phantasticher ist, als Menschen es bis dahin
ahnten. Ernst Häckel hat in seinem leider viel zu wenig
bekannten Werk »Kunstformen der Natur« eine Sammlung
der interessantesten Motive von den oft wunderbaren Ge-
bilden der niedersten Tierwelt veröffentlicht. □
□ Dieser geschärfte Natursinn ist es auch, der uns zu
Bewunderern der japanischen Holzschnittkunst, Malerei
und Kleinplastik werden läßt, denn hierin ist Gestalt und

Leben der Insekten, Fische und Vögel mit erstaunlicher
Prägnanz wiedergegeben. Daß die Japaner anregend auf unser
Kunstgewerbe gewirkt haben, ist außer Zweifel. Sie haben
uns zuerst die Geheimnisse derOrnamentation von Schmetter-
lingsflügeln, Käferflügeldecken und Fischkörpern offenbart.
So ist Otto Eckmanns Werk belebt mit Tiermotiven, und
sein Ornamentstil hat das bewegte Spiel von Flecken und
Formen, wie es als Zeichnung häufig auf dem Gefieder
der Vögel und den Schut'zflügeln der Insekten zu finden
ist. Otto Eckmanns Einfluß auf das Kunstgewerbe Unserer
Zeit ist heute noch zu verfolgen. Auf allen Gebieten des
modernen Kunstgewerbes dringt diese Entzifferung der Zeich-
nung und Struktur des Körpers der niederen Tierwelt weiter
durch, und selbst im Zeichenunterricht der Volksschulen
lernen jetzt die Schüler von einem Schmetterlingsflügel die
Ornamentmotive abzulesen. □
n Der künstlerische Blick für das Tier als organisches
Individuum ist uns glücklicherweise daneben erhalten ge-
blieben, besonders in der dekorativen Plastik hat sich die
Tierdarstellung zu einer monumentalen Auffassung durch-
gerungen. Die Arbeiten August Gauls sind hier als hervor-
ragende Beispiele zu nennen, ’ unter seinen Schöpfungen
sind einige Kleinplastiken die reizvollsten. Nicht unerwähnt
können an dieser Stelle die Tiergruppen und Einzeldar-
stellungen von Tieren bleiben, die als farbige Porzellan-
plastiken in besonders schönen Stücken den Manufakturen
Kopenhagen und Nymphenburg entstammen. o
□ Die genannten Beispiele werden gewiß jedem Freund der
dekorativen Kunst aus eigener Anschauung bekannt sein, so
daß sich eine nähere Beschreibung ihrer Art erübrigt. Diese
Arbeiten aber sind der beste Beweis dafür, daß die Tierdar-
stellung unserer Tage von einer tieferen und gründlicheren
Naturbeobachtung als je in einer Zeit vorher beseelt ist. Ein
eigener Stil ist darin erreicht, der nicht am Äußerlichen
haftet und hoch über der plumpen Nachahmung eines aus-
gestopften Tierbalges steht. Und auch die Logik, die
durchaus kein Gegenpol der Phantasie ist, kommt bei der
Anwendung von Tiermotiven immer mehr zur Geltung.
Oder ist es etwa ein Triumph der Phantasie, wenn Künstler
in unseren Tagen noch Löwenköpfe an Brunnen als Wasser-
speier anbringen? □
□ Gewiß, niemand soll der Phantasie vorgreifen, die einen
realen Körper in seiner künstlerischen Umschreibung zu
einem Wunder, an das man glauben muß, machen kann.
Zudem wäre uns die Vergangenheit mit ihrem reichen
Formenschatze ein Buch mit sieben Siegeln, wollten wir
den Standpunkt der einzig wahren Anschauung in Kunst-
dingen nur von den Erkenntnissen der Gegenwart ableiten.
Aber ebenso wäre uns diese Gegenwart nur eine unbewußte
Episode, wollten wir nicht die uns aus der Vergangenheit
überkommenen Formen mit den Erkenntnissen des Fort-
schrittes vergleichen, um uns so den Weg zu einer höheren
Entwicklung offen zu halten. o

□ Er (der primitive Mensch) reißt also die einzelnen
Gegenstände der Außenwelt, deren er durch anschauliche
Fixierung habhaft zu werden sucht, aus dem ununterbrochenen
Fluß des Geschehens heraus, befreit sie von ihrem störenden
Nebeneinander, von ihrem Verlorensein im Raume, reduziert
ihre wechselnden Erscheinungsweisen auf die entscheidenden
und wiederkehrenden Merkmale, übersetzt diese Merkmale in
seine abstrakte Liniensprache, assimiliert sie seiner Ornamentik
und macht sie auf diese Weise absolut und notwendig. Er
schafft sich künstlerische, d. h. anschauliche Gegenbilder zu
den Vorstellungsbildern seines Geistes ... °
(Aus Wilhelm Worringer, Formprobleme der Gotik.
München 1911, bei Piper & Co)
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