Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU

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Entwürfe tüchtige, verständnisvolle Handwerker und Fabri-
kanten findet. °
□ Die große Mehrheit der Konsumenten ist, sofern sie
nicht etwa schon aus wirtschaftlichen Gründen den Ab-
zahlungsgeschäften verfallen muß, nicht in der Lage, und
genau genommen, auch nicht berechtigt, sich von Künstlern
Entwürfe anfertigen zu lassen, die dann in einer Werk-
stätte zur Ausführung kommen, sobald es sich um Erzeug-
nisse handelt, deren Wert fast ausschließlich in einfach
zweckmäßig verwendetem Material und den Herstellungs-
kosten enthalten ist. So wenig man für 5 Mark eine
Originalzeichnung verlangen kann, so wenig ist man be-
rechtigt, ein Eßzimmer für 1200 Mark im Original, d. h.
nur einmal existierend, zu fordern. Für 5 Mark kann man
eine gute Steinzeichnung und für 1200 Mark eine gute
Type eines Eßzimmers bekommen. Die Zeichnung allent-
halben, das Eßzimmer seltener. Um so mehr ist es zu be-
grüßen, daß sich immer mehr Firmen finden, die gemein-
sam mit dem Künstler Typen für Magazinmöbel schaffen,
die für einen gebildeten Bürgerstand das bieten, was in
geschmacklicher und technischer Hinsicht, unter möglichster
Ausnützung des Materials, und bei Vermeidung aufge-
klebten Prunkes billig verlangt werden kann. Für die Ober-
schichten, für ganz spezielle Bedürfnisse, für individuellen
Geschmack und gesteigertes Luxusbedürfnis sollen nach
wie vor Künstler im besondern betätigt werden. □
□ Gerade ein Wettbewerb, wie der in Frage stehende,
ist geeignet, unbekannte Kräfte dem Handwerk zuzuführen.
□ Wennschon ganz hervorstechende Arbeiten unter den
eingesandten Entwürfen fehlten, so war doch der Durch-
schnittswert ein erfreulich hoher. Man kann das einge-
sandte Material schon in gewissem Sinne als einen Extrakt
aus den gegenwärtigen Bestrebungen ansehen. Das Er-
gebnis ist: eine temperierte Moderne, etwas rückwärts ge-
wandt. °
□ Der Hauptwert ist fast immer auf möglichste Gebrauchs-
fähigkeit gelegt, unter bewußter Ausnützung des Materials,
fußend auf Tradition in gutem Sinne, mehr oder weniger
anklingend an die Arbeiten unserer führenden Raum-
künstler. °
□ Einfachheit, Klarheit des Gedankens, gute Verhältnisse
im Aufbau überzeugten immer. Alles Spielerische, Ge-
suchte richtete sich selbst. □
□ Die besten Resultate wurden gezeigtigt bei den Ent-
würfen für das Eßzimmer. Das ist nicht verwunderlich,
da ja die Anforderungen, die an diesen Wohnraum gestellt
werden, im wesentlichen überall die gleichen sind.
□ Das, wenn der Ausdruck statthaft ist, deutsche Büfett,
Unterbau mit Aufsatz, zum Teil mit Seitenschränken,
überwog. □
□ Nicht zu übersehen ist, daß die englische Type, niedri-
ger, breitgelagerter Unterbau, ohne Aufsatz, oder mit nur
wenig hohem Bord, immer mehr Anhänger findet. Also
Flucht vor dem »Erbbegräbnis« auf der ganzen Linie. □
□ Dem Herrenzimmerwar schon schwieriger beizukommen.
Der flache, sogenannte Diplomatenschreibtisch läßt wenig
Variationen zu, sobald Schmuckmittel nur in ganz geringem
Umfange aufgewendet werden können. Bleibt nur der
Bücherschrank, der unter Wahrung der Zweckmäßigkeit
nach Möglichkeit repräsentativ gestaltet wurde. o
□ Zeigten die Herrenzimmer zufolge der mehr stetigen
Gewohnheiten der künftigen Bewohner, was Kleidung und
Tätigkeit anlangt, eine gewisse Gleichmäßigkeit, so änderte
sich das Bild bei dem Damenzimmer vollständig. □
□ Unsere Sprache gibt oft sehr feine Aufschlüsse: der
Mann trägt einen Anzug, die Frau ein Kleid. Wenn wir

unzweifelhaft die Wohnung, ja das Haus, in weiterem
Sinne als unser Kleid auffassen können, so trifft diese Auf-
fassung sicher in stärkstem Maße auf das Damenzimmer
zu. Es soll in erster Linie schön sein, es soll kleiden, o
□ Vergegenwärtigt man sich die Kapriolen, die die Damen-
mode schlägt, die Neigung, sprunghaft aus allen möglichen
Kulturepochen Anregungen für die fortwährend wechselnde
Damenmode zu schöpfen, so ist die mehr oder minder
große Vorliebe der Frau für historische Stile und Stilmöbel
leicht erklärlich. □
□ Demzufolge zeigen sich auch bei den Entwürfen für
das Damenzimmer am häufigsten stärkere Anlehnungen
an historische Stile und Versuche, die tändelnd das Spiele-
rische streifen. n
□ Der Schreibtisch sieht zuweilen noch wie ein solcher
aus, ohne es eigentlich mehr zu sein — eine Eigenschaft,
die das Möbel vielfach nicht weniger verkäuflich machen
dürfte —, der Schrank ist zumeist in erster Linie Ziermöbel.
□ Auch dem Schlafzimmer ist nicht so leicht beizukommen.
Zwingen die 4—5 Zimmerwohnungen, für die die in Frage
stehenden Möbel bestimmt sind, fast immer dazu, das
Schlafzimmer zugleich als Wasch- und Ankleideraum zu
benutzen, so erklären sich die Schwierigkeiten, Typen zu
finden, die den sehr auseinandergehenden Ansprüchen der
Bewohner Rechnung tragen. Karl Richard. Henker.


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Auergesellschaft, Berlin 0.17.

Für die Redaktion des Kunstgewerbeblattes verantwortlich: Fritz Hellwaq, Berlin-Zehlendorf
Verlag von E. A. Seemann in Leipzig. - Druck von Ernst Hedrich Nachf., o. m. b. h., in Leipzig
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