Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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NEUE ARCHITEKTUR VON ALBIN MÜLLER

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Albin Miiller-Darmstadt, Landhäuser am Großherzogi. Hoflager in Seeheim a. d. Bergstraße

□ Da die Angst vor dem Plagiat so groß geworden ist,
daß Preisrichter fast nur noch Preise unter einem gewissen
Vorbehalt verteilen, scheint mir eine Klärung über den
Begriff Plagiat sehr wichtig. Eigentlich ist die Um-
schreibung eine sehr knappe: Fremdes als Eigenes aus-
geben im Sinne der eigenen Urheberschaft. Man kann
auch sagen, daß jede Abschrift oder Nachbildung ohne
Quellenangabe auf ein Plagiat hinausläuft, selbst wenn die
Absicht dazu nicht bestanden hat. Die Kopie an die Stelle
des Originals zu setzen, bedeutet eine Fälschung, also den
direkten Betrug, wenn die Kopie als solche eben nicht offen-
sichtlich kenntlich gemacht ist. Unsere ganze stilgeschicht-
liche Nachblüte war doch eigentlich nur ein im Großen be-
triebener Diebstahl am alten Besitz. Es scheint ja über-
haupt die Auffassung zu bestehen, daß auch in rein geisti-
gem Sinne das Historische vogelfrei sei. Bei einem in
historischen Formen gehaltenen Entwurf kommt man selt-
samerweise gar nicht auf den Gedanken, daß ein Plagiat
vorliegen könnte. Wie wenige wissen, daß die Walhalla
bei Regensburg eine Nachbildung des Parthenon ist; unsern
Architekten scheint man ja überhaupt selbst recht weit-
gehende Entlehnungen nicht zu verübeln. Preisrichter von*
heute müssen schon ein sehr weit reichendes Gedächtnis
haben, wenn sie ein Plagiat nicht durchschlüpfen lassen
wollen. So passierte es jüngst bei einer Medaillen-
konkurrenz, daß dem mit dem I. Preise bedachten Entwurf
die Entlehnung nach einer alten griechischen Münze, einem
Tetradrachmenstück, nachgewiesen wurde; es lag eine

völlige Übernahme des Hauptmotivs vor, und doch sah
das Preisrichterkollegium davon ab, den Entwurf als ein
Plagiat zu behandeln: aus der griechischen Münze war eben
doch auch dem Geiste nach noch eine großzügige Medaille
geworden. Wenn die Mehrzahl der Künstlerschaft von
unsernr historischen Erbe immer noch einen reichlichen
Gebrauch der Wiederverwendung macht, so läßt sich da-
gegen so lange nichts sagen, als diese Arbeitsweise ihre
Wurzeln nicht überall nur am Formalismus saugen läßt,
das heißt, auch geistige Nahrung daraus zieht, Schönheits-
fragen einer Korrektur unterwirft. Ein Bauwerk einfach
zu kopieren und es irgendwo hinsetzen, ich erinnere nur
an den geschenkten Trienter Brunnenabklatsch in Elberfeld,
sollte strafbar sein wie jeder andere geistige Diebstahl
auch, 'gleich, ob er an Werken Toter oder Lebender ge-
macht wird. Jede Epoche hat das Recht und die Pflicht,
sich zeitlich charakteristisch durchzusetzen. Es ist doch
eigentlich sehr naheliegend, daß neue Aufgaben neue
Lösungen finden sollten. Das Plagiat würde immer seltener
werden, wenn sich die Schaffenden und Schöpfenden in
ihren heiligsten Augenblicken aller Erinnerung an Vor-
handenes entschlagen würden, oder doch so weit kämen, es
nicht Herrschaft über sich gewinnen zu lassen. Wer nichts
Eigenes schaffen kann, soll nicht nur die Konkurrenzen, die
Wettbewerbe meiden, sondern sich überhaupt mehr in den
Dienst der wirklich schöpferisch Tätigen stellen; es gibt bei
ihnen Ausführungsarbeiten genug. Sie müßten ebenim Dienst
eines Größeren tagelöhnern. KARL HEINRICH OTTO.
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