Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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NEUE ARCHITEKTUR VON ALBIN MÜLLER

NEUE ARCHITEKTUR
VON ALBIN MÜLLER,
DARMSTADT
ALBIN MÜLLER ist unseren Lesern
als Oewerbekiinstler und Innen-
architekt seit Jahren durch viele
Abbildungeil vertraut geworden; heute
stellt er sich als Architekt vor. Er ist
der gleiche geblieben und gibt auch
jetzt, wie früher, den Kern, das Orga-
nische der Dinge, nicht zu verwechseln
mit der Konstruktion, die zum Beispiel
Riemerschmid gern deutlich zu machen
strebt. Schon bei Albin Müllers Möbeln
und Kleinkunst war der Aufbau auf dem
Grundriß und die Übereinstimmung mit
ihm das Charakteristikum, das ihnen
zuweilen etwas Schweres, zu stark
Fundamentiertes, immer aber eine wuch-
tige Klarheit verlieh. Das Verstecken
der Anlage in der Form, das künst-
lerische Spiel des Leichtmachens der
Form, deren scheinbarer Selbstzweck,
dies alles war nie Albin Müllers Sache.
Ihm gab die Bestimmung des Gegen-
standes den Grundriß und dieser mit
unfehlbarer Sicherheit das Gleichgewicht
der körperlichen Erscheinung. Wer so
denkt und empfindet, ist ein geborener
Architekt. Lernen läßt sich dies auf
gar keine Weise; auf der anderen Seite bedingt solche Veranlagung auch die psychische Unmöglichkeit, in irgend
einem historischen Stil, gleichviel in welchem, zu schaffen. Da hätten wir also einen traditionslosen, ganz auf sich
selbst und seine Zeit gestellten Künstler? Ja, wenn nicht eben — Architektur zu allen Zeiten unverändert dasselbe
gewesen wäre, während die Stile nur den mit ihr verbundenen Ausdruck der wechselnden ökonomischen Bedingungen
darstellen. Auch unsere Zeit hat solchen Ausdruck. Er ist im Gegensatz zum abgeschlossenen Feudalismus ein bürger-
licher, und so baut Albin Müller z. B. auch die Häuser des großherzoglichen Hoflagers gutbürgerlich. Prunk ist
ihm wesensfremd, aber die Lebensgewohnheiten des Bürgers kennt er und bringt sie zur Geltung. Der Hauseingang
ist so berechnet, daß man die meist
mitten im Grundriß des Erdgeschosses
liegende und zugleich das Treppenhaus
bildende Diele betritt, um die sich, nach
Gebrauchszwecken zusammenhängend,
die Wohnräume gruppieren. Die Wirt-
schaftsräume liegen meist in einem
Nebenbau, der sehr geschickt dem
Hauptbau angegliedert ist und mit ihm
einen Komplex bildet. Alles kommt
in der Fassade klar zum Ausdruck, deren
ruhig rhythmische Aufteilung des Künst-
lers besondere Stärke ist. □
□ Albin Müller ist als Architekt sehr be-
ansprucht. Arbeiter- und Beamtenwoh-
nungen, zahlreiche Villen in Stadt und
Land, Etagen-Reihenhäuser, ein Rat-
haus und ein Sanatorium (in Braun-
lage) und manche andere Bauten hat er
in den letzten acht Jahren geschaffen.
Mitte Juni wird in Frauenstein im
Erzgebirge das »Dreikönigsdenkmal«
enthüllt. Sein monumentaler Konkur-
renzentwurf für das Bismarckdenkmal
in Bingerbrück ist Kennern vorteilhaft
aufgefallen. fritz hellwaq.
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