Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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BRESLAUER JAHRHUNDERT AUSSTELLUNG

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Gelände ist darum nicht richtig aufgeteilt, weil die
Hauptzufuhrachse nicht auf das architonische Zentrum
hinführt, sondern an ihm vorbei leitet, um dann erst,
durch eine Umgehung, dieses Zentrum, die Erinnerungs-
halle zu erreichen. Es ist also, städtebaulich betrachtet,
eine naheliegende und selbstverständliche Wirkung,
eine monumentale Perspektive (die Halle als Blick-
punkt eines Korsos) verpaßt worden. Dazu kommt
ein anderes. Wenn man jetzt vor dem bogenüber-
spannten Hauptportal steht, so gibt sich die Halle,
von der Schweifung des Torsturzes geschmeidig ge-
rahmt, als ein überraschendes Bild. Wenn man aber
dann den der Halle vorgelagerten und in seinen Ab-
messungen wahrlich nicht kleinen Platz, an dem links
und rechts zwei andere Ausstellungsgebäude stehen,
überschreitet, so empfängt man, näherkommend, den
Eindruck einer Zubauung des Raumes. Man empfindet
die mächtige Rundung reliefartig und glaubt mit der
flachen Rückseite den Platz sozusagen verstellt. Man
verliert den Eindruck der Großheit und fühlt Enge.
Es ist also auch bei dieser Disposition irgend etwas
nicht in Ordnung; vielleicht liegt der Fehler diesmal
an einem Mangel der Hallenarchitektur. Es fehlt ihr
an Plastik (die großen Fensterkreise sitzen mit dem
Konstruktionsgerüst bündig), um einen kraftvollen
kubischen Eindruck zu erzwingen. Ferner, der
Platz vor der Halle läßt nicht ahnen, daß sich seit-
lich, in der Westostachse, eine freiatmende Weite, der
festliche Reichtum eines, von elastisch geschwungener
Pergola umfaßten Wasserbeckens, öffnet. Hat man
diese Entdeckung gemacht, so möchte man sofort
wünschen, daß die Längsachse dieses Beckens zu-
gleich die Achse des ersten und entscheidenden Blickes
auf die Jubiläumshalle wäre. Leider wird selbst die
Illusion solcher Anordnung gestört, nämlich dadurch,
daß als Basis der machtvollen Beckenellipse, dem
Hallenkoloß also vorgelagert, ein zwar flaches und

langgestrecktes, durch einen aufgesetzten Turm die
Halle aber stark überschneidendes Gebäude (ein
Restaurant) steht. Das sind gewiß Mängel. Die uns
indessen keinen Augenblick abhalten können, die schön
gegliederte Weiträumigkeit dieser Ausstellungsanlage
zu empfinden. In ihrem Grundgedanken ist die
Planung ebenso vernünftig wie kühn, sie zeigt sach-
liche Ordnung und entbehrt nicht des schwungvollen
Rhythmus. Die eigentliche Gartenbauausstellung ent-
wickelt sich östlich der festlichen Pergola; die histo-
rischen Abteilungen sind, durch einen breiten Prome-
nadenweg getrennt, dieser Pergola Begleiter. Man
kommt also, wenn man die Terrasse des Restaurants
herabsteigt, durch den elliptischen Laubengang, aus
dem Komplex der eisernen und steinernen Architektur
in die Gemeinsamkeiten der Pflanzen. Die großen
Hallen bleiben dahinten, während man heiteren Ge-
mütes durch die abwechslungsreichen Gartenanlagen
spaziert. Man freut sich an der Primitivität eines
Mönchsgartens, schreitet durch die Repräsentation eines
Gartens der Renaissance und hat seinen Spaß an
Anlagen des bürgerlichen Barock und des Bieder-
meier. Seltsam, in Einzelheiten nicht ungeschickt, im
ganzen aber doch mehr burlesk als anmutig ist ein
japanischer Garten. In Sachlichkeit schön sind die
Anlagen für Tulpen, Dahlien und Rosen. Nachdem
man dann noch den gut gemeinten, aber kaum be-
merkenswerten Kirchhof abgeschritten hat und eine
reizvolle, bäuerliche Holzkirche schnell anschaute,
kommt man (nach gehörigem Marsch) wieder in das
Bereich starrer Architektonik. Südlich der Jahr-
hunderthalle steht das Verkehrsgebäude, langgestreckt,
mit zwei grenzenden Querhäusern, eine gesunde und
zugleich festliche Architektur. Westlich des Ausstellungs-
geländes, von dem offiziellen Rayon durch eine breite
Chausseegetrennt, durch zwei freigeschwungene Brücken
mit ihm verbunden, liegt der Vergnügungspark. Er
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