Deutschland <Deutsches Reich> / Reichs-Limeskommission [Editor]
Limesblatt: Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission — 4.1896

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Limesblatt.

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ren Mauerfundament eine 0,75 m breite
Bermc, welche hier etwa 1,50 m unter
dem jetzigen Terrain lag, sowie zwei Grü-
ben von 10,20 m Breite bei 2 m Tiefe,
und 7,30 m Breite bei 1,80 m Tiefe. In
beiden Durchschnitten fanden sieb ausser
Mauerschutt ziemlich viel meist sehr kleine
Bruchstücke von römischen Dach- und
Hohlziegeln und Tbongefässen; eines der
Ziegelstücke trug den verstümmelten Stem-
pel der leg. I adiutrix, unter den verhält-
nismässig wenig zahlreichen Sigillatasplit-
tern befanden sich solche von reich pro-
filierten Rändern der Teller der früheren
Kaiserzeit (etwa Kocnen XIV, 2), unter
den übrigen auch eine Anzahl sogenannter
praehistorischer Scherben, welche mehr-
fach in den älteren Kastellen angetroffen
werden.

Ein Einschnitt in der Nähe der Stelle,
wo nach dem Habel'schen Plane das Prä-
torium gestanden haben muss, ergab erst
in nahezu 3 m Tiefe gewachsenen Boden;
der hier offenbar in neuerer Zeit aufge-
füllte Grund zeigte vermischt mit römi-
schen Dach- und Hohlziegelstucken auch
Spuren der neuesten Zeit und Hess eine
weitere Untersuchung aussichtslos er-
scheinen.

Weitere Nachforschungen galten den
etwaigen Resten einer älteren römischen
Befestigung, deren Bestehen bereits vor
der Anlage des 1838/39 aufgedeckten
Kastells der Streckenkommissar aus einer
Reihe von Gründen vermutete. Wenn die-
selbe nicht gänzlich innerhalb des späteren
Kastells gelegen oder von seiner Umfas-
sungsmauer gerade völlig gedeckt worden
war, konnte mit Aussicht auf Erfolg nur
auf einem Terrain nach ihr gesucht wer-
den, welches sich südlich unmittelbar an
das Gebiet des Krankenhauses anschliessend
durch zwei sich im spitzen Winkel schnei-
dende Strassen begrenzt und nach seiner
Gestalt „der Dreispitz" genannt wird. Ein
liier gezogener überall bis auf den ge-
wachsenen Boden geführter Graben ergab
denn auch ein Spitzgrabenprofil, welches
durch eine Reihe von parallelen Einschnitten
nach einer Richtung auf eine Länge von
etwa 50 m verfolgt werden konnte. Ganz
in der Nähe des Punktes, an welchem das

Profil zuerst beobachtet worden war, be-
gann der Graben in eine Rundung über-
zugehen , welche den Ausschnitt eines
Kreises von 16,50 m Radius darstellte,
und setzte sich dann in einer Richtung
fort, welche zu der anderen von ihm ver-
folgten Geraden in einem rechten Winkel
stand. Allerdings konnte hier nur ein
noch dazu sehr schwaches Profil gewonnen
werden; aber genau in der Verlängerung
dieser Linie war ein in gleicher Richtung
ziehender Graben bereits früher beobach-
tet und z. B. in den oben erwähnten Plan
von 1860 eingetragen worden, so dass der-
selbe zweifellos als Fortsetzung des durch
die jetzige Grabung festgestellten zu be-
trachten ist. Dieser Graben zog, die das
Kastell umgebenden Doppelgräben in ei-
nem spitzen Winkel schneidend, vor der
südlichen Eckabrundung der Ringmauer in
einer geringsten Entfernung von etwa 11 m
(von seiner Solde gemessen) vorüber. Da-
durch findet auch die, wie oben gezeigt,
unrichtige Beobachtung Kihm's bezüglich
der drei Wallgräben ihre Erklärung: die
einzige unter den erhaltenen Bleistift-
skizzen Kihm's, welche das Profil dieser
angeblichen drei Gräben klar zeigt und
zugleich mit Angabe der Stelle verschen
ist, wo dasselbe gewonnen wurde, trägt
den Vermerk: „Gräben am südlichen Eck-
turm", und an dieser Stelle mussten, in-
dem die Contrescarpe des inneren und die
Escarpe des äusseren Kastellgrabens in
die Böschungen des hier in gerader Linie
durchziehenden Grabens eingeschnitten
waren, die drei scheinbar parallelen
Grabensohlen mit den zwei zwischen
ihnen stehengebliebenen Keilen des ge-
wachsenen Lehmbodens allerdings den
Anschein eines dreifachen Grabens er-
wecken; das hier gewonnene Bild wirkte
denn auch auf die Beurteilung der an
anderen Stellen gewonnenen Profile ein,
obwohl sich der dritte Graben, nach Ha-
bels eigener Angabe (Annal. III, 2. 14(5),
„wegen teilweiser Zerstörung nicht mehr so
genau unterscheiden" Hess. — Der ver-
schiedene Grad der Zerstörung des Ter-
rains bedingte eine Verschiedenheit der
Profile an den einzelnen Stellen des auf
dem „Dreispitz" aufgedeckten Grabens.
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