Deutschland <Deutsches Reich> / Reichs-Limeskommission [Editor]
Limesblatt: Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission — 4.1896

Page: 535
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/limesblatt1896/0040
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
— 535 —

Limosblatt.

— 536 —

höhe liegen 2 der Pfostenlöcher in dem
den Steinturm umgebenden Graben, ein
Beweis, dass der hölzerne Turm und der
steinerne nicht gleichzeitig sein können.
Bei dieser Gelegenheit wurde übrigens an
2 Steintürmen (Marienhöhe, Fichtenwald)
ein dieselben in 1,60 m Abstand um-
gebendes Palissadcngräbchen von 0,25 bis
0,30 m Breite und 0,60—1 m davor ein
c. 1,80 breites und c. 0,80 m tiefes grösse-
res Gräbeben festgestellt. Beide, Palissa-
dengräbchen und das grössere Gräbchcn,
sind vor der Mitte der Ostfront auf 1,60 m
Breite für einen Durchgang unterbrochen.
Bei dem Wachthaus im Fichtenwald liegen
2 Pfostenlöcher in der Linie des Falis-
sadengräbchens. Zwischen den Holzpiosten
fand sich nur eine dünne Schichte von
Kulturresten, die leider nur wenigen
Scherben zeigen ältere Profile aus dem
Anfang des zweiten Jahrhunderts. Da
kaum ein Zweifel besteht, dass sich die
Beste der Holztürme auch an anderen
Punkten der Strecke vorfinden, dürfte
hiermit auch für die vordere Linie ein
älteres primitiveres Stadium des Grenzab-
schlusses erwiesen sein.

Schumacher.
HO. Sulz a. N. [Kastell.] Auf Grund von
Ausgrabungen des Dekan Klemm im Jahr
1890 war das Vorhandensein eines Kastells
auf der Höhe rechts vom Neckar über
Sulz, etwa 120 m über dem Fluss, in den
Gewanden „Güldenhalde" und „Weiher-
wiesen", sehr wahrscheinlich. Dies hat
hat sich bei den Grabungen der Reichs-
limcskommission im Herbst 1805 bestätigt.
Das Kastell war vorgeschoben auf die
Zunge des Plateaus. Zwei Römerstrassen,
Kottweil—Sulz und Ilmsdorf -Sulz liefen
in gerader Linie auf das Kastell zu, an
dessen Dekunianscitc sie sich hätten schnei-
den müssen, bogen aber, der Zunge des
Plateaus folgend, kurz vorher ab und
kamen nun vor der p. praet. zusammen,
um von da vereinigt ins Thal hinabzuführen.
Dem entspricht die Anlage des Kastells,
welches ein nicht ganz regelmässiges
Reehteck von 114 bez. 113 m Breite und
169 m (rechts) bez. 152,5 m (links) Länge
mit abgerundeten Ecken bildete. Beson-
ders stark waren die Mauern am Schnitt-

punkt der Front- und linken Flankenseite.
Der Eckturm war hier zu einer mächtigen
Bastion mit 2,70 m Mauerstärke ausgebaut
und beherrschte, selbst schon auf abschüs-
sigem Gelinde, den steilen Thalabhang
mit der vereinigten Strasse. Die Mauern
waren mit 28 (bez. 32, wenn auch für die
Rückseite, wo keine nachgewiesen wurden,
4 angenommen werden dürfen) Türmen
von nur 4 m im Geviert, meist um 40 bis
60 cm vorspringend, in Abständen von 11
bis 15 m besetzt. Die beiden den Berg-
abhängen zugewendeten Seiten weisen
stärkere Mauern auf, auch hatten ihre
Thore (praet. und princ. sin.) nur schmale
Durchgänge, während die princ. dextr.
8 m breit war. Die Flankenthore lagen
in der vorderen Hälfte, aber nicht genau
einander gegenüber. Die p. decum. konnte
nicht untersucht werden.

Da das Niveau des Kastells sehr un-
gleich war und sich deshalb im Lauf der
Zeit noch verändert hat, ist die Erhal-
tung der Innenbauten sehr ungleich. Die
Mauerzüge des Practoriums sind stark zer-
stört, dagegen fanden sich schön erhaltene
Reste von 2—3 exakt gemauerten Gebäuden
hinter der Front, wozu noch ein 1890 an-
gegrabenes Gebäude an der Rückseite
kommt. Keines derselben war mein' :ils
il m von der Mauer entfernt.

Zwischen der rechten Klankenscite und
der Strasse Rottwcil-Sulz ist eine Brun-
nenstube, welche zum Kastell in Beziehung
gestanden zu haben scheint.

Das Plateau hinter dem Kastell und um
die Strassen herum scheint mit bürgerlichen
Niederlassungen bedeckt gewesen zu sein.

Wichtigere Fundgegenstände: 4 be-
stimmbare Münzen von Claudius, Titus
und Domitian, terra nigra, sonstiges frühes
Thongeschirc, terra sigillata mit 2 voll-
ständigen Stempeln: germn und ofcrksti.

Über die Geschichte des Kastells er-
gaben sich keine weiteren Anhaltspunkte,
als dass es gewaltsam zerstört worden ist.

Ich halte es nicht für unmöglich, dass
das Kastell bei Sulz den Endpunkt einer
Querlinie vom Bodensee an den Neckar,
deren letzte Strecke die Strasse Ilmsdorf
- Sulz wäre, markiert bat.

Tübingen. R. Herzog.

Verantwortlicher Kudaktuur Prof, Hettuer.
loading ...