Deutschland <Deutsches Reich> / Reichs-Limeskommission [Editor]
Limesblatt: Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission — 4.1896

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zwischen dem nachgerutschten Kies mit
dunkler Erde und zahlreichen praehistori-
schen Gefässscherben ausgefüllt, deren
Ornamente den bei Könen Taf. I abge-
bildeten Proben aus neolithischer Zeit ent-
sprechen ; eine derselben hatte einen klei-
nen warzenartigen Ansatz, der durch ein
sehr enges Loch für ein dünnes Tragband
durchbohrt war. Nur gauz vereinzelt fan-
den sich etwa 60 cm über dem Boden
■einige römische Scherben, aber auch eine
frührömische Bronzetibel, die für die Be-
stimmung der Chronologie der ganzen An-
lage von besonderem Werte ist.

Dass die Grube aus praehistorischer
Zeit stammt und mit dem Ringwall in
engstem Zasammenhang steht, kann nicht
zweifelhaft sein. Sie bietet in Verbindung
mit dem 1»/, km nördlich, am entgegen-
gesetzten Ende gefundenen Jadeitbeil und
einigen neben der Kapelle in früherer Zeit
y-u Tage geförderten Scherben erwünschte
Anhaltspunkte für die Bestimmung des
Alters und der Ausdehnung dieser prae-
bistorischeu Anlage. Inwieweit sie von
den römischen Erbauern der Schanze
•durchwühlt und benutzt wurde, Hess sich
nicht feststellen.

Besondere Schwierigkeit bereitete die
Untersuchung des äusserlich nicht sicht-
baren Grübchens, da es in seinen nord-
westlichen und südöstlichen Teilen wegen
des Baumwuchsea nicht aufgegraben wer-
den konnte. Es lag nahe, in ihm die am
Taunuslimes und anderwärts beobachtete
Kreisrunde Umgrabung eines Holzturmes
zu erkennen. Aber in einem der Quer-
schnitte hatte sich auf seiner Sohle noch
ein nach Art der Pfostenlöcher, nur we-
niger tief eingeschnittenes Loch (k) von
35 cm Durchmesser gefunden. Hatte schon
diese Erscheinung in mir die Vermutung
■erweckt, dass wir es mit einer in ge-
wissen Abstünden durch Stützpfosten be-
festigten Schutzwand von Flechtwerk oder
Brettern zu thun hatten, so fand ich dies
an der Südwestseite bestätigt, wo es mög-
lich war, das Grübchen in seiner Längs-
richtung zu verfolgen. Iiier wiederholten
sich die Vertiefungen auf seiner Sohle in
Abständen von 2 m (o, p, q). Zugleich
ging das (iräbchen aus der Kreislinie in

latt. — ö4<; —

in einen flacheren Bogen über, der bei
weiterer Verlängerung über den östlichen
Teil Spiralförmig übergreifen musste. Aber
fast genau südlich vom Mittelpunkte der
ganzen Anlage hörte das Grübchen auf (m),
um 3 m östlich in der normalen Entfer-
nung vom Centrum mit einem besonders
deutlichen Profil (n) wieder zu beginnen.
Dass hier der Eingang der Einfriedigung
lag, konnte nicht zweifelhaft sein. Es
wurde bewiesen durch die Beschaffenheit
des inneren Spitzgrabens, der an derselben
Stelle in der Längsrichtung aufgegraben
wurde. Auch er behielt die gleiche Ent-
fernung vom Mittelpunkt nur östlich vom Ein-
gang bei und hörte vor demselben mit einer
hakenförmigen Einbiegung (s—s1) auf.

Der westliche Arm dagegen ging, ent-
sprechend dem gegenüberliegenden Teile
des Grübchens, in einen gestreckteren
Bogen über, so dass sein ebenfalls deut-
lich erkennbares Ende (r) mit einem Ab-
stand von 3 m (von den Grabensohlen ge-
rechnet) über das des östlichen Armes
übergriff. Damit war der Beweis erbracht,
dass die bei dem Walle (und dem äusseren
Graben) nach den äusseren Profilen be-
obachtete gleiche Beschaffenheit ursprüng-
lich vorhanden, nicht durch spätere Weg-
anlagen entstanden war. Wir haben dem-
nach eine gewissen mittelalterlichen An-
lagen entsprechende Einrichtung des Ein-
gangs anzunehmen, welche es ermöglichte,
einen Angreifer von der ungedeckten rech-
ten Seite aus zu beschiessen. Damit dürfte
der fortifikatorische Charakter der ganzen
Anlage bewiesen sein. Es verdient noch
hervorgehoben zu werden, dass in den
Enden der beiden (irabenseiten ebenso wie
auf dem Boden zwischen ihnen sich zahl-
reiche grössere Scherben römischer Ge-
brauchsgefässe fanden, hier aber keine
Spur von praehistoriscben Töpfereien.

Das Ergebnis der Ausgrabungen dürfte
sich in folgenden Sätzen zusammenfassen
lassen:

1) An der für die Beobachtung des
unteren Schwarzbachthaies geeignetsten
Stelle des Kapellenberges wurde ein rö-
mischer Beobachtungsposten angelegt, von
welchem man zugleich freien Blick auf
das 2 km entfernte Kastell hatte. 2) Xeben
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