Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart (Band 1) — Leipzig, 1884

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Anhang. Saffanidifche Baukunft.

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Empfindung, in welcher die entlehnten fremden Motive aufgefaßt und umgewandelt
wurden. Daß alle diele Elemente nicht in confequenter, organischer Weife ver-
bunden, daß auch in conftructiver Hinficht kein einheitliches Syftem errungen
wurde, bildet den Grundzug und zugleich die Schwäche diefes Styles. So brachten
auch in politifcher Beziehung die Perfer es nicht zu einer ftaatlichen Einheit. Ihr
Defpotismus war ein Amalgam der verfchiedenften Völker, die beim Mangel eines
centralifirenden, llaatbildenden Gedankens nur lole verknüpft, nicht zu einem
Körper verlchmolzen waren.

ANHANG.

Sassanidische Baukunst.

Fünfhundert Jahre waren vergangen, feit das alte Perl'erreich durch Alexander’s Gefchichte
Eroberungszug feinen Untergang gefunden hatte. Griechifche Cultur hatte lieh
auf den Stätten, wo einft Darius und Xerxes gefchaltet, ausgebreitet und mit
glänzenden architektonifchen Denkmälern dies neue Herrfchaftsverhältniß ausgeprägt.

Seleucia war an die Stelle des alten Babylon getreten, wurde aber wie alle übrigen
Diadochen-Refidenzen faft fpurlos von der Erde vertilgt, ebenfo wie die Seleuciden-
Dynaflie felbft von den kräftigen Parthern geftürzt wurde. Da erhob fich im
J. 226 unferer Zeitrechnung das Perfervolk unter Ardaschir (Artaxerxes) I., zer-
ftorte das parthifche Reich und richtete ein neues Perferreich auf, das nach dem
Namen des Stammvaters der neuen Herrfcher das Reich der SalTaniden genannt
wurde. Die alten Erinnerungen an die Größe der Vorzeit lebten auf, die Religion
der Vorfahren, der Dienft des Ormuzd mit feinem Feuercultus wurde wieder her-
geftellt, und in fiegreichen Kämpfen das neue Reich gegen Römer und Byzantiner
vertheidigt, bis es 641' dem Islam erlag.

Nach der Weife der perfifchen Vorzeit ftrebte auch die Saffanidenzeit nach Kunftfinn
monumentaler Verherrlichung. Noch ftanden prachtvolle Refte der alten Paläfle und saffanlden.
Grabmäler aufrecht: aber dazwifchen hatten fich Denkmäler griechifch-römifcher
Kunfl gedrängt, gewiß nicht ohne Anflug jener üppigeren Phantaftik, wie fie auch
in anderen Römerreften des Orients hervortritt. Kein Wunder, daß die Epigonen
von diefen verfchiedenartigen Elementen Einflüffe erlitten, die fich in ihren archi-
tektonifchen Leiftungen unverkennbar fpiegeln. Aber um fo beachtenswerther
drängt fich die Thatfache auf, daß die Neuperfer zwar, ähnlich ihren Vorfahren,
einen eklektifchen Hang verrathen, daß fie aber gleich jenen noch immer die Kraft
befitzen, aus entlehnten Motiven eine eigenthümliche Architektur zu geflalten.

Die wichtigften Schöpfungen derlelben beftehen in den Paläften der Paiäfte.
Herrfcher.*) Ihre Anlage fußt auf althergebrachten einheimifchen Grundzügen:
es find große rechtwinklige Mailen, die fich um einen freien Hof gruppiren. Aber
in der Gliederung und Anordnung des Ganzen und mehr noch in der Ueber-
deckung der Räume tritt ein neues Prinzip hervor, deflen Urfprung aus den Bauten

*) Vgl. die Literatur auf S. 64.
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