Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart (Band 1) — Leipzig, 1884

Page: 269
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Drittes Kapitel. Die römifehe Baukunft.

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Verkehr mit dem Orient zu fetzen ift, läßt fich kaum entfcheiden. Faßen wir
die Bedeutung der etruskifchen Architektur für die gefchichtliche Entwicklung der Gefchicht-
Baukunft zufammen, fo finden wir in äfthetifcher Beziehung einen Rückfchritt Bedeutung,
gegen die griechifche, zuerft ein Anlehnen an orientalifche, dann ein unbeholfenes
mißverftandenes Anklingen an gewille hellenifche Formen. Aber in conftructiver
Flinficht bildet die umfaffende Anwendung des Bogenbaues ein Element von
fo weitgreifender Wichtigkeit, daß hierdurch allein die Etrusker in der Gefchichte
der Architektur einen bedeutfamen Platz einnehmen. Indeß blieb diefe neue tech-
nifche Errungenfehaft, wie wir gefehen haben, nur auf dem Niveau praktifcher
Nützlichkeit, ohne fich zu künftlerifcher Ausbildung zu erheben. Dies follte erft
von den Römern verbucht, vom chriftlichen Mittelalter in glanzvollfter Weife
durchgeführt werden.

DRITTES KAPITEL.

Die römische Baukunst.

1. Charakter des Volkes.

Trat fchon bei den Etruskern die eigentlich künftlerifche Begabung in den Charakter
Hintergrund, lehnten fie fich mit ihrer Culturentfaltung großentheils an die Griechen
an, fo zeigt fich dies Verhältniß bei den Römern noch gefleigert. Ueberhaupt
fcheint in ihnen das Wel'en der Etrusker nur feine confequentere, höhere Aus-
prägung erhalten zu haben. Hier wie dort ein Sinn, der fich vorzugsweife den
äußeren Zwecken des Lebens, der Herrfchaft und des Befitzes, hingiebt, der diefe
aber mit einer feltenen Großartigkeit der Intention zu verwirklichen weiß; zu-
gleich jedoch ein Mangel an felbftändigem, originalem künftlerifchen Genie, der
die Römer anfangs zu Schülern der Etrusker, fpäter zu Nachahmern der Griechen
macht. Wir finden, daß fie fich diefer Armuth felbft bewußt find, ohne diefelbe
zu beklagen. Denn ihrem herrfchbegierigen Sinn erlcheint es als die höchfte
Aufgabe des Daleins, die anderen Völker zu unterjochen, dem Erdkreis Geletze
vorzufchreiben. Mögen dann die Anderen kunftübend und gebildet fein; müffen
fie doch mit ihren Geifteswerken das Leben der ftolzen Sieger zieren, die von
der Kunft Nichts verlangen, als daß fie die anmuthige Dienerin der Macht fei.

Dies war die Grundanfchauung, welche die Römer von der Kunft hatten. Es
war ihnen wohl gegeben, die äußere Formenfchönheit der griechifchen Werke
zu erkennen und zu bewundern; aber es blieb ihnen verfagt, die Kunft als die
ideale Verklärung des Volksgeiftes, als feine lebensvollfte Erfcheinungsform zu
betrachten. Faßten fie doch Alles nach den Grundfätzen äußerer Zwecke, prak-
tifcher Rückfichten auf. Wie hätte ihnen die Kunft unter einem anderen Ge-
fichtspunkte erfcheinen füllen ?

Das Ideal, der Römer war ein ganz anderes: es war die Ausbildung des Die Staats-
Staat es. Der Orient hatte alle individuelle Freiheit in der monotonen Einheit ldee'
des Despotismus erftarren lallen. Das Griechenthum hatte dagegen die Ausbil-
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