Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart (Band 1) — Leipzig, 1884

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Viertes Kapitel. Phönizifche und hebräifche Baukunft.

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einem ftattlichen Reiterbilde. Jedenfalls ift das Denkmal, durch eine beftimmte
Veranlaffung ins Leben gerufen, als monumentale Verherrlichung königlicher
Macht aufzufaffen. Ein ähnliches Werk, jedoch aus einem Freibau in Quadern
beftehend, findet lieh unter dem Namen Takt-i-Gero am Berge Zagros. Ein-
facher behandelt, zeigt es in feinen Gliederungen ebenfalls Anklänge an klaffifche
Formen: dagegen erfcheint der Hufeifenbogen feiner Wölbung als ein neues

Element, das in der muhamedanifchen Architektur feine weitere Ausbildung er-
fahren follte.

Endlich bezeugen paarweife angelegte Feueraltäre bei Nakfch-i-Ruftam die
Erneuerung des altnationalen Cultus durch die Saffaniden. Auf weithin Achtbaren
Felskuppen über treppenförmiger Terraffe aufragend, haben fie an den Ecken
des ftark verjüngten Baues fchwerfällige, aber in ihrer Art und an ihrem Platze
ausdrucksvolle Rundfäulen auf rechtwinkligen Plinthen und mit flachem Gefims-
band als Kapital, von welchem kräftige Rundbögen zur Verbindung mit den be-
nachbarten Ecken fich auflchwingen. Die Bekrönung des Ganzen befteht aus
einer Art von Zinnenkranz. In ihrer derben Kraft geben diefe Denkmäler ein
Zeugniß von der frifchen Tüchtigkeit des Sinnes, der fie hervorgerufen hat.

Bei aller Lückenhaftigkeit der bis jetzt geführten Unterfuchungen find immer-
hin die faffanidifchen Werke ein merkwürdiges Glied in der Kette der Ent-
wicklung, welches die alte Kultur des Orients mit der durch den Islam repräfen-
tirten Kunftform des Mittelalters verbindet.

VIERTES KAPITEL.

Phönizische und hebräische Baukunst.

Schon im zweiten oder dritten Jahrtaufend v. Chr. faßen an dem fchmalen
Küftenfaume Syriens, der fich in einer Länge von etwa dreißig Meilen erftreckt,
die Phönizier, eines der rührigften Völker des Alterthums. Von femitifcher
Abftammung, ausgeftattet mit der diefer Volksart eigenen Beweglichkeit, mit ihrem
praktifchen Spürfinn und ihrem raftlofen Streben nach Erwerb, wußten die Phö-
nizier fich frühzeitig als kühne Seefahrer zu Herren des Mittelmeeres zu machen.
Ihre Schiffe drangen nördlich bis zu den Küften des Schwarzen Meeres, weltlich
bis nach Spanien und felbft zu den entlegenen britannifchen Geftaden. Dort
holten fie Zinn und den im Alterthum hochgefchätzten Bernftein, in Spanien
fanden fie Ueberfluß an Silber, Gold und anderen Metallen, die fie von den Ein-
geborenen für werthlofes Spielzeug eintaufchten. Aber auch mit den alten Cul-
turvölkern des Morgenlandes ftanden fie in regem Verkehr. Ihre Karawanen waren
mit den Erzeugniffen des babylonifchen Kunftfleißes beladen, wie fie denn Maaß
und Gewicht der Babylonier annahmen und den Griechen übermittelten. Aegyptens
und Arabiens Produkte wußten fie auf dem Weltmärkte zu verwerthen: ja von
der nördlichen Spitze des Rothen Meeres aus machten ihre Schiffe einen Ent-

Takt-i-

Gero.

Feueraltär

Phönizier.
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