Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart (Band 1) — Leipzig, 1884

Page: 385
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Zweites Kapitel. Byzantinifche Baukunft.

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deutend Schlanker, die oberen gedrungener und außerdem mit Baluftraden aus
Steinplatten verfehen, beide durch horizontales Gebälk abgefchlolfen, das im oberen
Gefchoß das geneigte Dach aufnimmt. Die Formen der Säulenkapitäle find äußerft
mannichfaltig, feiten antikifirend, hie und da in dorifcher Gliederung, meiftens
derb korinthifirend oder vielmehr kelchförmig mit freiem Blattwerk, felbft mit
lfark barbarißrten Voluten ausgeftattet. Die Phantafie hat fich hier ziemlich felfel-
los ergehen dürfen, außerdem ift wie immer der Laune auch des ungeschickten
Architekten und des halb oder noch weniger gebildeten Bauherrn der unvermeid-
liche Spielraum geblieben. Was aber unter allen Umftänden erfreut, ift die herr-
liche Structur in großem Quaderwerk bei Steinbalken bis zu 5 M. Länge, die
fall unverwüstliche Solidität der Technik und der freundliche Schmuck, der nament-
lich an den Portalen lieh gern in allerlei Rankenwerk ergeht und Sowohl am
Thürfturz wie felbft an den Säulenkapitälen immer Gelegenheit findet, durch
christliche Embleme, Monogramme und Zeichen mit allem Eifer fein Credo dem
Eintretenden zuzurufen. Auch fonft hat ein frifcher Lebensmuth fich in unver-
kennbaren Zügen ausgefprochen: an den Facaden treten manchmal auf Krag-
steinen Baikone hervor; neben den Thüren und Fenftern, die auf die Arkaden
hinausgehen, find nicht feiten zierliche kleine Nifchen angebracht; bildnerifcher
Schmuck, meift Weinblätter, Akanthus, Vafen mit Pfauen, gelegentlich einmal ein
mit ungefchickter aber wohlmeinender Hand fkizzirtes Lamm, das Kreuzeszeichen
auf dem Rücken tragend, gefeilt fich dazu. Holz ift bei allen diefen Häutern nur
zu den Dachftühlen verwendet, ganz ausgefchloflen wird es dagegen in der Gruppe
des Hauran, wo, wie wir gefehen haben, die horizontalen Deckplatten des oberen
GefcholTes zugleich das Dach bilden.

In den meisten diefer Städte haben fich ganze Gruppen von Häufern er-
halten. Außer den Schon angeführten Orten nennen wir Djebel Ri ha, Ser-
djilla, Mudjeleia, El Barah, Betursa, Bechulla, Erbeya, Dana. Fügen
wir dazu die reich angelegte Villa zu El Barah und die Thermen von Mudje-
leia und Serdjilla, fo haben wir das Bild diefes reichen Culturlebens in feinen
Hauptpunkten angedeutet.

ZWEITES KAPITEL.

Die Byzantinische Baukunst.

1. Vorbemerkung.

Als das oftrömilche fich von dem abendlandifchen Reiche trennte (395 n. Chr.),
diefes dem immer mächtigeren Andrängen der nordifchen Völker und der inneren
AuflÖlung überlaffend, begann hier im äußerften Often Europa’s ein Culturleben
von merkwürdiger Art. Byzanz w^ar nicht wie Rom der Mittelpunkt einer alt-
begründeten Weltherrfchaft, der Herd einer Bildung, deren Denkmäler in ver-
fchwenderifcher Pracht in das verwilderte Leben der Gegenwart hineinragten.

Lübke, Geichichte d. Architektur. 25

Ge mifchte
Cultur-
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