Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart (Band 1) — Leipzig, 1884

Page: 427
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Zweites Kapitel. Styl der muhamedanifclien Baukunft.

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zu gemeinfchaftlichem Gebrauche in der Art bestimmte, daß jene den östlichen
Theil erhielten, während die Christen im Belitze des weltlichen blieben. Für die
Raumanlage waren die Erforderniffe des Cultus, deffen wüchtigfle Beftandtheile
Gebete und Wafchungen ausmachten, maaßgebend. Da das Gebäude alfo auch
hier eine Menge der Gläubigen zu umfaßen geeignet fein mußte, fo erklärte es
lieh dadurch fchon, daß man in der Grundform den heidnifchen Tempel eben fo
wenig benutzen konnte, wie das Chriftenthum es vermocht hatte. Vielmehr boten
die christlichen Kirchen wTeit eher die geeigneten Räumlichkeiten dar, weshalb der
Islam in der Bildung des Grundriffes gewiffe Einwirkungen, namentlich vom byzan-
tinifchen Baufyftem aus, aufnahm. Wirklich wird auch vom Kalifen Walid be-
richtet, daß er auf feine Bitte vom griechilchen Kailer Baumeifter zur Ausführung
feiner Bauten erhielt. Wie verwandt aber auch die früheften Mofcheen mitunter
den byzantinifchen Kirchen fein mochten, in dem einen Punkte unterfchieden fie
Sich von ihren chriftlichen Vorbildern aufs Beftimmtefte: in der Verfchmähung
jeder bildlichen Darstellung, an welcher der Islam in feinen heiligen Gebäuden
Saft ohne Ausnahme fefthielt.

Wie aber der Muhamedanismus ein Kind des Orients war und im Morgen-
lande feine weiteste Verbreitung erfuhr, fo konnte es nicht fehlen, daß auch in
feiner Architektur die orientalifchen Elemente die vorherrfchenden wurden. Da-
her ift ihr die Vorliebe für phantaftifch gefchweifte, üppig Schwellende Formen,
für das Spiel mit einer reichen Ornamentik vorzüglich eigen. Doch mifcht lieh
in diefen Gefammtcharakter wieder ein befonderes Anknüpfen an die bereits Vor-
gefundene Denkmälerwelt der einzelnen Länder, fo daß unter dem allgemeinen
Gefammttypus doch wieder viele charakteristische Befonderheiten lieh bemerk-
lich machen.

Aus diefen verschiedenen Factoren gestaltete fich im Laufe der Zeit durch Ver-
schmelzung der Grund-Elemente ein felbftändiger Bauftyl, der, feit länger als
einem Jahrtaufend in den ausgedehnten Ländergebieten des Muhamedanifmus
herrfchend, eine Menge prachtvoller und großartiger Schöpfungen hervorgebracht
hat und trotz einer gewiffen Stabilität, die allen Gestaltungen des Orients anhaftet,
bis auf den heutigen Tag eine nicht zu leugnende Lebensfähigkeit bekundet.
Nur ift freilich dies Leben des Orients wefentlich verfchieden von dem des Abend-
landes, da jenes auf ewiger Ruhe, diefes auf ewiger Entwicklung, Umgestaltung,
Erneuerung lieh aufbaut.

ZWEITES KAPITEL.

Styl der muhamedanischen Baukunst.

Wie lieh meistens der höhere Styl der Architektur an den heiligen Gebäuden
entfaltet, fo faßen wir auch bei den Muhamedanern die Bauart ihrer Cultusffätten,
der Mofcheen, vornehmlich in’s Auge. Da ergiebt Sich denn gleich bei der Be-
trachtung des Grundrißes, daß von einer feflftehenden Form, aus welcher fich eine

Orientali-

fches

Element,

Umfang und
Dauer.

Mofcheen.
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