Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart (Band 1) — Leipzig, 1884

Page: 480
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480

Fünftes Buch.

Thurmbau.

V erwimmg
im 9. und
10. Jahrh.

Wende-
punkt um’s
J. 1000.

nun, dem Inneren entfprechend, eine lebendige Gruppirung und würdige Aus-
bildung. Schon die altchriftliche Bafilika zeigte in ihrer zweiftöckigen Anlage den
Beginn einer Gliederung verfchiedenartiger Theile. Für die mittelalterliche Kirche
trat nunmehr als neues bedeutfames Moment der Thurmbau hinzu, der erft jetzt
in organifche Verbindung mit dem übrigen Gebäude trat und dadurch auch
äußerlich die auffteigende Bewegung zum Abfchluß brachte.

Die ganze Baugefchichte des Mittelalters ift ein ununterbrochenes Ringen
nach demfelben Ziele. Schon der romanifche Styl erreicht von feinem Grund-
princip aus eine Höhe und Vollendung des Syftems, daß diele einzige architek-
tonifche That für eine Gelammtepoche als vollgültiges Gewicht in die Waag-
fchale fallen würde. So raftlos ift aber das Mittelalter in feinem Ringen, daß es
in einem völlig verfchiedenen Styl, dem gothifchen, auf ganz neue Weife noch
einmal diefelbe Aufgabe einer überrafchenden Löfung entgegenführt. Wir er-
kennen daraus eben aufs Klarfte, wie der ganze Gedankengehalt jener Zeit in
die Architektur ausftrömte und in ihren Schöpfungen feine höchfte künftlerifche
Verklärung fand.

ZWEITES KAPITEL.

Der romanische Styl«

1. Zeitverhältniffe.

Wir deuteten fchon an, daß der Zerfall des Karolingifchen Reiches den Aus-
gangspunkt der mittelalterlichen Entwicklung bilde. Ehe jedoch das Culturleben
der einzelnen Völker eine feile äußere Bafis gewinnen konnte, verging noch ge-
raume Zeit. Innere Parteiungen und Empörungen der trotzigen Vafallen zerfleifchten
die Reiche, während von außen die räuberifchen Schaaren der Normannen, Wen-
den und Ungarn fortwährend verheerend einfielen. Unter folchen Verhältniflen
vermochte auch die Pflege der Architektur nicht fonderlich zu gedeihen. Zwar
wurden eine Menge von frommen Stiftungen gemacht, Klöfter gegründet, Kirchen
erbaut und reich befchenkt; aber die wenigen Refte, welche aus diefer Frühzeit
lieh erhalten haben, bezeugen deutlich den rohen Zuftand der Technik und des
Kunftgefühls bei fortgefetztem, aber möglich!! mißverftändigem Fefthalten an den
antiken Formen. Dagegen verdanken wir jenen dunklen Jahrhunderten unzweifel-
haft etwas Bedeutendes: die Modificirung und Feftftellung des Grundplans der
Bafilika nach Maßgabe der damaligen Cultusbedürfnifle. Die wefentlichen Neu-
geilaltungen diefer Art fanden wir fchon bei dem früher betrachteten Grundriß
der Abteikirche zu St. Gallen aus dem 9. Jahrh.; beim Beginn unferer Epoche
treten fie uns überall übereinftimmend entgegen.

Diefer Beginn datirt vom Anfang des 11. Jahrhunderts. Gegen Ende des
IO. Jahrhunderts waren die abendländifchen Völker in einen folchen Zuftand der
Entartung und Entfeffelung verfunken, daß das panifche Entfetzen, mit welchem
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