Meier-Graefe, Julius [Editor]; Renoir, Auguste [Ill.]
Auguste Renoir — München, 1920

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Abhängigkeit von Courbet. Aber man erschöpft mit dieser leichten
Erkenntnis nicht jede Eigenschaft des Werkes. In der großen
kühn komponierten Gestalt steckt ein enthusiastischer Schwung,
den man unmöglich mit der selbstbewußten Art Courbets ver-
wechseln kann. Die Farben sind im wesentlichen der Palette
des Vorgängers entnommen, nicht die Anschauung, die sie ver-
bildlichen. Der weiche Auftrag mildert den Naturalismus. Schon
umhüllt sich das Fleisch mit dem warmen Rosa, das die Meister-
werke Renoirs schmückt, und man glaubt in dem Gesicht bereits
die Züge des Renoirschen Frauentyps zu erkennen.

Ähnlich verhalten sich Renoirs Stilleben dieser frühen Zeit,
z. B. die großen Fruchtstücke der Sammlungen Liebermann (Berlin)
und Biermann (Bremen), zu manchen Stilleben des Vorbildes. Die
Ähnlichkeit der Mittel bedingt nicht die Gleichheit des Resultats.
Die Empfindungen der beiden im Wesen so verschiedenen Künstler
konnten immer nur ganz kurze Strecken Zusammengehen.

Im Folkwang-Museum in Hagen hängt das früheste Meisterwerk
Renoirs, die „Lise“ von 1867*). Eine ähnliche Gestalt ist die Gattin
Sisleys auf dem Doppelbildnis „Menage Sisley“, das 1868 ent-
standen ist. Die Lise selbst kommt in dem 1869 gemalten Mädchen
der Nationalgalerie in Berlin („Sommer“) wieder. Renoir ist am
25. Februar 1841 geboren. Er war, als er die „Lise“ malte,
26 Jahre alt.

*) Das Bild hat eine kleine Geschichte. Es gehörte ursprünglich Theodore
Duret. Dieser hatte 1872 Renoir bei Degas getroffen. Wie er mir erzählte,
machte damals der Maler einen recht bohemienhaften Eindruck und schien nicht das
Notwendigste zu haben. Degas lobte Renoirs Anlagen, und daraufhin sah sich
Duret ein paar Bilder an, die bei kleinen Händlern des Montmartre herumstanden.
Er kaufte damals für 400 oder 500 Frs. das junge Mädchen (die zweite Lise),
von dem oben die Rede ist, das sich heute in der Nationalgalerie befindet.
Als er Renoir wieder traf, freute sich dieser nicht wenig über den Kauf;
meinte aber, es sei Besseres zu haben. Duret war begierig, mehr zu sehen.
Schließlich rückte Renoir mit dem Geständnis heraus, er habe in einem Atelier
eine ganze Anzahl nicht übler Bilder, aber da er die Miete des Ateliers nicht ge-
zahlt habe, sei er gezwungen gewesen, es aufzugeben und die Bilder dem Concierge
als Deckung zu überlassen. Dieser sei befugt, alles zu verkaufen. Vielleicht
könne Duret einige Bilder kaufen und dadurch die Schulden decken, die gegen
700 Frs. betrugen, und womöglich bekäme er, Renoir, dann den anderen Teil
heraus. Duret ging in das Atelier, fand viele Bilder, unter denen ihm die Lise
am besten gefiel. Das Bild lag zusammengewickelt am Boden, weil der Concierge
den Keilrahmen zu Gelde gemacht habe. Die Leinwand hatte niemand gewollt.

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