Meier-Graefe, Julius [Editor]; Renoir, Auguste [Ill.]
Auguste Renoir — München, 1920

Page: 136
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IV.

Renoir begann mit einer festen Form. Er öffnete sie, um
Farbe hineinzulassen, und schloß sie wieder, um sie zu festigen.
Das Verfahren wiederholt sich. Es gleicht dem ruhigen Atmen
eines gesunden Körpers. Und mit jedem der tiefen Atemzüge,
die dem Körper neuen Stoff zuführen, bereichert sich der Orga-
nismus. Keine Willkür bestimmt die Folge der Perioden, sie lösen
sich nicht ab wie feindliche Regenten. Auch wenn die Tendenz
der einen Richtung der anderen entgegengesetzt erscheint, jede
fügt der vorher Gewonnenen etwas hinzu. Die Bilder der achtziger
Jahre entfernen sich weit von denen des vorhergehenden Jahr-
zehnts. Ihr präziser Ausdruck, ihre scharf umrissene Form, ihre
ganze Art hat so gut wie nichts mit der weichen Hülle und der
geschmeidigen Handschrift der vorhergehenden Zeit gemein. Trotz-
dem erschöpft man diese Perioden nicht, wenn man sie lediglich
als Gegensätze zwischen Linie und Farbe oder zwischen Kom-
position und Improvisation hinstellt. Die Vereinfachung hat so gut
die Palette wie alle anderen Faktoren gestärkt. Die Bilder sind
in der Farbe viel klarer und entschiedener geworden, und ihre
Derbheit hat auch rein malerische Vorzüge, die manchen Reiz
der weichen Bilder aus den siebziger Jahren aufwiegen. Die
Geschlossenheit ihrer Form läßt sie den Werken der sechziger
Jahre näher erscheinen. Die Festigkeit der „Diane Chasseresse“,
der „Lise“, des „Menage Sisley“, die in den siebziger Jahren ver-
schwindet, wird zurückerobert, aber wieviel kommt dazu! Wir
verkennen jetzt, wo uns Renoirs Fähigkeiten geläufig geworden
sind, in der Stabilität der ersten Werke nicht den Notbehelf, der
nur durch Beteiligung entlehnter Elemente standhielt, der sich
lockerte, sobald Renoir diese Elemente durch eigene ersetzte
und die Einfalt seines Anfängertums folgerichtig zu erweitern und
zu bereichern versuchte.

Wer an der Konsequenz, mit der ein bestimmtes Formen-
prinzip erfüllt wird, genug hat, wird Renoir in den Werken, die
er als Fünfziger malte, auf dem Gipfel erblicken. Diese Konse-
quenz, die ihre eigenen, nicht dornenlosen Wege ging, fern von
der breiten Straße des Impressionismus, ist uns viel wert. Sie
stärkt unser Vertrauen auf den Naiven, dem die Energie der
Selbsterkenntnis nicht fremd war. Aber sie ist nicht alles. Es

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