Mitteilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst — 1928

Seite: 29
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Nekrolog.

Am 9. November 1927 verschied in Paris Loys Del teil
nach einem überaus arbeitsreichen Leben. Er war am 7. Mai
1869 in der französischen Hauptstadt geboren und hatte
sein ganzes Leben als Bearbeiter und Erforscher der Graphik
des XVIII. und XIX. Jahrhunderts gewidmet. Interessant zu
wissen ist es, daß er selbst auch Graphiker war und wir ihm
u. a. ein Porträt Daumiers verdanken. Diesem Künstler war
auch ein Großteil seiner letzten Jahre des Schaffens gewidmet:
in zehn Bänden seines berühmten Lebenswerkes des »Peintre
graveur illustre«, besitzen wir den genauen Katalog mit der
Abbildung jeder der 4000 Lithographien Honore Daumiers.
Vorher waren bereits 19 andere Bände erschienen, die sich
in derselben genauen Weise mit Millet, Rousseau, Dupre,
Jongkind, Charles Meryon — dessen Entdecker Delteil ge-
wesen ist—, Ingres, Delacroix, Anders Zorn, Daubigny, Goya
und den andern Graphikern des XIX. und XX. Jahrhunderts
befaßten. Es waren zuletzt 35 Bände geplant, die nun wohl,

Vermischte Nachrichten.

Vierzigjähriges Jubiläum der Graphischen
Lehr- und Versuchsanstalt in Wien (1888-1928). —
Unsere Gesellschaft ist mit der jubilierenden Anstalt auf
doppelte Weise verknüpft. Einmal durch die Fülle der
Reproduktionen, einfachere und kostspielige, mit denen
unsere Veröffentlichungen ausgestattet sind. Aus was immer
für einer Wiener Reproduktionsanstalt sie hervorgegangen
sein mögen, sie alle gingen irgendwie, das läßt sich ruhig
behaupten, durch die Hand besonders geeigneter Arbeits-
kräfte, die in der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt
ihre Ausbildung genossen haben. Dann durch die namhaften
Graphiker, die an der Lehr- und Versuchsanstalt tätig waren
und tätig sind. Sei es, daß von diesen Männern graphische
Originalarbeiten in den Veröffentlichungen unserer Gesell-
schaft erschienen, sei es, daß diese Männer im Verwaltungsrat
unserer Gesellschaft an deren Führung beteiligt sind. Es genügt,
die Xamen von Ludwig Michalek, Alfred Cossmann, Rudolf
Junk und Leo Frank zu nennen. So versteht es sich von selbst,
daß unsere Gesellschaft an dem Schicksal des Institutes in der
Westbahnstraße, dessen Ruf weit über die Grenzen unseres
Vaterlandes hinausgedrungen ist,aufrichtigen und herzlichen
Anteil nimmt und ihm zur Feier seines vierzigjährigen Be-
standes auch für die Zukunft bestes Gedeihen wünscht.

Das Jubiläum selbst wurde durch eine hübsche kleine
Ausstellung im Anstaltsgebäude gefeiert, in der auf über-
sichtliche Weise all das — es ist erstaunlich viel — zur
Schau gestellt war, was in der Anstalt gelehrt und gelernt,
versucht und gekonnt wird. Unter den graphischen Original-
arbeiten fielen ein paar vielversprechende junge Begabungen
auf. Ferner war die März-Xummer der »Photographischen
Korrespondenz« aus Anlaß des Jubiläums mit zahlreichen
ganz vorzüglichen Reproduktionen in allen möglichen
Techniken festlich ausgestattet. Aus einem dieses Heft
einleitenden Jubiläumsartikel aus der Feder des Direktors
der Anstalt, Hofrat Dr. Junks, sei zum Schlüsse eine Stelle

wie dies bei den letzten Daumier-Bänden der Fall sein wird,
auch von der Witwe des verstorbenen Forschers heraus-
gegeben werden dürften. Außer diesem umfassenden Werke,
das ganz im modernen Sinne durchgeführt wurde, verdanken
wir Delteil noch zwei wichtige und unentbehrliche Hand-
bücher: ein »Manuel de 1'Amateur d'Estampes du XVIIIe
siecle« und »Le Manuel de TAmateur d'Estampes des XIXe
et XX" siecle«, welches 1926 erschienen ist. Diese beiden
genauen Handbücher, die neben den Beschreibungen der
Einzelblätter auch ihre Preise verzeichnen, sind für jeden
Sammler von unschätzbarem Wert.

Ein unermüdlicher und genauer Arbeiter ist mit
Loys Delteil dahingeschieden, ein Kunstgelehrter von jener
Art, die in ihrer Person ein derart umfassendes Wissen in
ihrem Arbeitsgebiete hatten, wie dies heute im Zeitalter der
Spezialisierung und Zersplitterung leider fast nur mehr aus
der Vergangenheit bekannt ist! Ferdinand Magier.

abgedruckt, die aufs anschaulichste den Wirkungskreis der
im engeren Sinne des Wortes künstlerischen Abteilung der
Anstalt beschreibt und umgrenzt: »Aus der ursprünglich
übernommenen Hörwarter'schen Zeichenschule, die zur Zeit
der Anstaltsgründung die Unterrichtsgegenstände Freihand-
zeichnen,Perspektive und Projektionslehre bestritt, hatte sich
mit der Zeit eine eigene Klasse für Zeichnen, Malen und die
künstlerisch graphischen Fächer entwickelt, die heute als Ab-
teilung für manuelle Graphik durch strikte Beschränkung auf
Entwerfen und Durcharbeiten druckfähiger Vorlagen für gra-
phische Zwecke und werkstattmäßige Herstellung von Druck-
platten und Druckproben nach eigenen Entwürfen in allen
graphischen Techniken vom Standpunkt des Gesamtinstitutes
aus vom technischen Können her die Brücke schlägt zum
anderen Ufer, wo Kunstgewerbeschule und Kunstakademie
den Weg zur freien künstlerischen Betätigung weisen. Auch
die zeichnerischen Übungen nach der Natur werden hier nicht
als Selbstzweck, sondern als gewissenhafteste Vorbereitung
zur graphischen Verwertung gepflegt.« D. R.

Zum 75.Geburtstag Felician My rbachs. — Über
Myrbach haben in den »Graphischen Künsten« Ludwig Hevesi
(1899) und Karl M. Kuzmany (1909, S.58f.) berichtet. Seinem
Leben war es offenbar vorherbestimmt, bewegt zu verlaufen.
Abgesehen von seiner erfolgreichen und ausgebreiteten Tätig-
keit als Illustrator und Soldatenmaler, griff er als Direktor der
Kunstgewerbeschule entscheidend in das Wiener Kunstleben
ein.\ on dem damaligen Unterrichtsminister, dem Grafen Latour,
angewiesen, der Kunstgewerbeschule »den Zopf abzuschnei-
den«, hat er als alter Militär diesen Auftrag rasch und gründlich
durchgeführt.In wenigenJahren war die Kunstgewerbeschule
vollständig im Besitz des linken Flügels der Wiener Künstler-
schaft. Die rechten Männer an die rechten Posten gestellt und
die Arbeit auf dem Papier in lebendigen, praktischen Werkstatt-
unterricht umgewandelt zu haben, ist das bleibende Verdienst

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