Universitätsbibliothek Heidelberg [Editor]
Codices Palatini germanici in der Universitätsbibliothek Heidelberg (Cod. Pal. germ. 182 - 303) — Wiesbaden, 2005

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Einleitung

Die deutschsprachigen Palatinahandschriften (Cod. Pal. germ.) der Universitätsbibliothek
Pleidelberg sind in erster Linie wegen ihrer oft einzigartigen literarischen Textzeugen
berühmt. So beschäftigte sich die germanistische Forschung seit der Rückführung der
Handschriften im Jahr 1817 von Rom nach Heidelberg1 bislang hauptsächlich mit diesen
Textgattungen, während das Fachprosaschrifttum sowohl in der Forschung als auch bei
den bislang vorgenommenen Katalogisierungen2 eher ein Nischendasein führte. Erst in
den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts begann, durch Forschungen von Gerhard Eis3 und
später von Gundolf Keil4 5 angeregt, größeres Interesse an den Fachprosaschriften zu
wachsen, das sich seither in einigen Publikationen auch speziell zu Heidelberger Hand-
schriften niederschlug.

Durch die gute Forschungs- und Editionslage sind zahlreiche der literarischen Heidelber-
ger Handschriften weltweit bekannt, sie werden entsprechend rezipiert und in ihrem
Wert gewürdigt. Daß mit fast 300 Handschriften - auf Blattzahlen umgerechnet etwa
40% des gesamten Bestandes - die Fachgebiete Medizin und Alchemie über ein Drittel
des Handschriftenfonds ausmachen, ist hingegen nur wenigen bewußt. Das geringe Inter-
esse der Germanistik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts an diesen Handschriften spie-
gelt sich auch in den alten Heidelberger Katalogen von Karl Bartsch und Jakob Wille aus
den Jahren 1887 und 1903 wider. Bereits 1817 hatte Friedrich Wilken in der Einleitung
zu seinem Kurzverzeichnis der aus Rom zurückgekehrten Handschriften geschrieben:
„Die in dem Verzeichnisse der deutschen Handschriften ausgelassenen Nummern sind
sämmtlich unerhebliche medicinische Receptenbücher“6. Dazu zählte Wilken offenbar
auch so prominente Handschriften wie das aus dem Jahr 1321 stammende sogenannte
‘Speyrer Arzneibuch’ in seinem Ottheinrich-Einband vom Jahr 1556 (Cod. Pal.
germ. 214).

Die tiefe inhaltliche Erschließung medizinischer Handschriften allgemein und der Hei-
delberger Bestände insbesondere wurde in der Vergangenheit immer wieder - übrigens
mehr von der germanistischen Fachprosaforschung als von Medizinhistorikern - als De-
siderat angesprochen. So schrieb Gerhard Eis 1958: „Der Katalog der altdeutschen Hand-
schriften der Heidelberger Universitätsbibliothek wurde 1887 von dem Philologen Karl
Bartsch verfaßt. Entsprechend der Zielrichtung der damaligen Literaturgeschichtsfor-
schung behandelt er die dichterischen Denkmäler mit Vorzug, während er den medizi-

1 Zur Geschichte der Bibliotheca Palatina allgemein und der deutschsprachigen Handschriften im beson-
deren vgl. Kat. Heidelberg, UB 6, S. XI-XX.

2 Zu den neuzeitlichen Katalogen vgl. Kat. Heidelberg, UB 6, S. XX-XXII.

3 Vgl. Hans J. Vermeer, Verzeichnis der Schriften von Gerhard Eis, in: Fachliteratur des Mittelalters.
Festschrift für Gerhard Eis, hrsg. von Gundolf Keil (u. a.), Stuttgart 1968, S. 499-534; ders., Schriften-
verzeichnis Gerhard Eis 1968-1979, in: Fachprosa-Studien. Beiträge zur mittelalterlichen Wissen-
schafts- und Geistesgeschichte, hrsg. von Gundolf Keil, Berlin 1982, S. 574-583.

4 Vgl. Christoph Weisser, Verzeichnis der Veröffentlichungen von Gundolf Keil, in: Joseph Domes
(Hrsg.), Licht der Natur. Medizin in Fachliteratur und Dichtung; Festschrift für Gundolf Keil zum 60.
Geburtstag, Göppingen 1994 (GAG 585), S. 525-569.

5 Bartsch; Wille.

6 Wilken, S. 274.
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