Pan <Berlin> — 1.1895-96 (Heft I und II)

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ZARATHUSTRAVOR DEM KOENIGE

VON

FRIEDRICH NIETZSCHE

(FRAGMENT)

„Es ist nicht mehr die Zeit für Könige: die
Völker sind es nicht mehr werth, Könige zu haben.

Du hast es gesagt, König: das Bild, das vor dem
Volke hergeht, das Bild, an dem sie alle zu Bildnern
werden: das Bild soll dem Volke der König sein!

Vernichten, vernichten sollst du, oh König,
die Menschen, vor denen kein Bild herläuft: das
sind aller Menschheit schlimmste Feinde!

Und sind die Könige selber solche, so vernichte,
oh König, die Könige, so du es vermagst!"

„Meine Richter und Fürsprecher des Rechts
sind überein gekommen, einen schädlichen
Menschen zu vernichten; sie fragen mich, ob
ich dem Rechte seinen Lauf lassen wolle oder
die Gnade vor dem Rechte."

„Was ist das Schwerere zu wählen für einen
König, die Gnade oder das Recht?"

„Das Recht", antwortete der König; denn
er war milden Sinnes.

„So wähle das Recht und lass die Gnade den
Gewaltmenschen als ihre eigne Ueberwältigung."

„Ich erkenne Zarathustra, sagte der
König mit Lächeln: wer verstünde
wohl gleich Zarathustra auf eine
stolze Weise sich zu erniedrigen?
Aber das, was du aufhobst,
war ein Todesurtheil."

Und er las langsam daraus und mit halber
Stimme, wie als ob er mit sich allein sei:'

„Des Todes schuldig — Zarathustra desVolkes
Verführer."

„Tödte ihn, wenn du die Macht dazu
hast" — rief Zarathustra auf eine furchtbare
Weise abermals; und seine Blicke durchbohrten
die Gedanken des Königs.

Und der König trat nachsinnend einige
Schritte zurück, bis hinein in die Nische des
Fensters; er sprach kein Wort und sah auch
Zarathustra nicht an. Endlich wandte er sich
zum Fenster.

Als er aber zum Fenster hinausblickte, da
sähe er etwas, darob die Farbe seines Angesichtes
sich verwandelte.

„Zarathustra, sagte er mit der Höflichkeit
eines Königs, vergieb, dass ich dir nicht gleich
antwortete. Du gabst mir einen Rath: und
wahrhaftig, ich hörte gerne schon auf ihn! —
Aber er kommt zu spät!"

Mit diesen Worten zerriss er das Pergament
und warf es auf den Boden. Schweigend
giengen sie voneinander.

Was der König aber von seinem

Fenster aus gesehen hatte, das

war das Volk: das Volk

wartete auf Zarathustra.

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