Prinzhorn, Hans
Bildnerei der Geisteskranken: ein Beitrag zur Psychologie und Psychopathologie der Gestaltung — Berlin, 1922

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Anmerkungen.

') S. 3. Diese Wiederbelebung des wenig mehr gebrauchten, aber sinnvollen und schönen
Wortes „Bildnerei" bedarf eigentlich kaum einer Rechtfertigung. Immerhin seien für Leser, die
zunächst über das ungewohnte Wort stutzen, einige Hinweise gegeben, die es ihnen erleichtern
werden, sich mit dem Terminus zu befreunden. Wenn man heute geneigt ist, Bildnerei ausschließ-
lich als „Bildhauerei" zu verstehen, so entspricht das in der Tat der ursprünglichen Bedeutung des
Zeitwortes „bilden". Noch Winkelmann vermerkt, das „Bilden" sei auf Farbe, Leinwand und
Pinsel weniger gerecht, obschon der Maler ein Bild und Bildnis male. Aber in der klassischen
Literatur findet sich doch die Verwendung des Wortes in dem weiteren Sinne bei Klopstock, Wie-
land, Goethe, Schiller, Bürger u. a. (Lessing: Wie die Alten den Tod gebildet z. B.), so daß Grimm
zusammenfassend sagt: „begreiflich entwickelt sich aus jenem künstlerischen Bilden des Holzes oder
Steines die allgemeine Bedeutung des Darstellens überhaupt". Und Sanders (Wörterbuch der
deutschen Sprache) definiert kurzweg: „Bildner = ein Bildender, namentlich insofern es sich um
künstlerisches Bilden handelt", und ferner: „Bildnerei = die Tätigkeit und das Werk des Bildners".
Gerade die einheitliche Bedeutung der meisten von dem gleichen Stamme abgeleiteten Wort-
formen macht den Terminus besonders tragfähig. Betont wird durch die Benennung aller „Ge-
bilde", die im Sinne der „bildenden Kunst" produziert werden, als „Bildnerei", daß über die
Wertung solcher „Bildwerke" unter dem herkömmlichen Begriffe der „Kunst" noch nichts aus-
gemacht ist.

2) S.3. Uber den größten Teil der Veröffentlichungen von psychiatrischer Seite wird kritisch
referiert in: Prinzhorn: „Das bildnerische Schaffen der Geisteskranken", Zeitschr. f. d. ges. Neurol.
u. Psych. Bd. 52, 307—326. 1919. Die erst später meist durch freundliches Entgegenkommen der
Autoren zugänglich gewordene italienische Literatur enthält noch einige gute Einzelstudien. Auch
aus England und Amerika vermochten wir einige Arbeiten zu erhalten, die aber wenig Wichtiges
brachten.

3) S.3. Mohr: „Über Zeichnungen von Geisteskranken und ihre diagnostische Verwertbar-
keit' . Journal für Psychologie und Neurologie Bd. 8. 1906. Das kleine Buch von Reja: „L'Art
chez les fous", Paris 1907 ist ein gewandter Essai über das ganze Gebiet, einschließlich der Poesie,
geht aber den Problemen psychopathologischer wie kunsttheoretischer Art aus dem Wege. Morgen-
thaler hat phylogenetische Gesichtspunkte für die Vermischung von Zeichnen und Schreiben
anzuwenden versucht. Schilder ging in seiner Studie „Wahn und Erkenntnis", Berlin 1918,
über die reine Beschreibung hinaus, indem er mit Hilfe von Zeichnungen solchen seelischen

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