Schlosser, Julius von
Die Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance: ein Beitrag zur Geschichte des Sammelwesens — Leipzig, 1908

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III. Schluß. Fernere Entwickelung des Samiiielwesens.

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werke aufgenommen hat. Dann ist der Gedanke der antiken Gloria nie gänz-
lich in Vergessenheit geraten, zumal in den weiter bestehenden alten Muni-
zipien. Berühmten Bürgern des Altertums, einheimischen Dichtern und Schrift-
stellern sind auch im Mittelalter öffentliche Denkmäler gesetzt worden: Virgil
hat deren zwei in Mantua, wo er überhaupt, auf Siegeln, Fahnen, als eine Art
heidnischen Schutzpatrons erscheint, der jüngere Plinius das seinige sogar an
heiliger Stätte in der Vaterstadt Como; eine Liviusstatue ist zu Anfang des
XV. Jahrhunderts in Padua geplant worden, während Ovid die seinige in Sul-
mona wirklich erhalten hat. Wie lokale Erinnerungen im modernen Italien
weiterwuchern, bemerkt der Fremde zuweilen mit einigem Erstaunen; reicht es
auf diese oder jene Weise zum Denkmal nicht, so ruft wenigstens ein Kaffee-
hausschild die Glorie der Vergangenheit ins Gedächtnis, wie denn das kleine
Settignano sein Cafe Desiderio oder Ancona ein Cafe Dorico hat. Endlich ist
nicht zu vergessen, was alles an Resten der Antike aufrecht geblieben war,
wie vor allem die zwei berühmtesten Reiterstatuen, der zum Caballus Con-
stantini umgedeutete Marc Aurel in Rom und der erst in neuerer Zeit ver-
nichtete Regisol von Paria; während eines der letzten Denkmäler dieser Art,
das Reiterbild des Theodorich, von Karl d. Gr. aus Ravenna nadi Aachen vor
die Königspfalz versetzt, dort bald als anstößig empfunden und beseitigt wor-
den ist. Audi im Mittelalter sind fortwährend Antiken der Erde entstiegen;
das merkwürdigste Beispiel ist wohl jene sdion einmal erwähnte, mit dem
Namen des Lysipp bezeichnete Statue, die auf der Fönte Gaja, im Mittel-
punkt der Stadt Siena, unter großer Begeisterung des Volkes aufgestellt, denn
auch sofort von Künstlern wie Ambrogio Lorenzetti als Studienobjekt benutzt
wurde; ihre nadifräglidie Entfernung ändert nichts daran. Hier war eben schon
von Anfang an nidit der Wille eines einzelnen über seine Zeit hinaus Blicken-
den maßgebend, mochte es auch der Wiederhersteller der alten Kaiserwürde
sein, wie in Aachen, sondern der einer in Weisheit und Torentum gleich-
gestimmten Mehrheit. Alles das zeigt, daß die Rolle der Kunst hier ganz
verschieden, daß diese ein weit wirkungsvollerer Faktor im öffentlichen
Leben war, nicht ausschließlich religiösen und privaten Interessen dienstbar,
sondern von vornherein andern Anregungen und Aufgaben zugänglich. Goethe
hat diese Ansicht, als er einer Sitzung der olympisdien Akademie in Vicenza
beigewohnt hatte, drastisch genug in die Worte gekleidet: „Wenn man nur
auch vor seiner Nation so stehen und sie persönlich belustigen dürfte! Wir geben
unser Bestes schwarz auf weiß; jeder kauzt sidi damit in eine Ecke und
knoppert daran, wie er kann."

Im fünfzehnten Jahrhundert erweitert und vertieft sich dies alles. Es
beginnt die Wirksamkeit der großen Florentiner Künstler von Brunellesco bis
Leonardo und Midielangelo, von Männern, deren geistige Bedeutung und Tatkraft
fast durdiweg, namentlidi bei den beiden letzten, weit über die Sdiranken
ihrer Kunst hinausragt. Einer der frühesten, Ghiberti, spürt nidit nur als
Pionier moderner Naturwissenschaft, den optischen Gesetzen nach, sondern
wendet seinen Blick, als erster, gerade durch ein antikes Vorbild, Plinius, an-
geregt, in die Vergangenheit zurück und gibt sich in seiner merkwürdigen
Selbstbiographie von seiner künstlerischen Ahnenreihe Redienschaft; es liegt
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