Schuchhardt, Carl
Schliemann's Ausgrabungen in Troja, Tiryus, Mykenae, Orchomenos, Ithaka und im Lichte der heutigen Wissenschaft — Leipzig, 1891

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Fünftes Kapitel.

sind. Diese Mauern stellten sich bei den Grabungen als das
Fundament eines dorischen Tempels etwa aus dem 6. oder
7. Jahrhundert v. Chr. heraus. Der Tempel ist ziemlich genau
von Norden nach Süden orientirt und bildet ein Rechteck von
20:43 m. An Architekturstücken wurde von ihm nichts weiter
gefunden als eine Gesimsplatte und zwei Bruchstücke von Me-
topen mit ganz winzigen Figurenresten. Das Fundament ruht
in seinem nördlichen Theile aus dem Felsen, im südlichen aber
auf einer bis 3 m hohen Anschüttung, und in dieser letztern
stieß man nun auf Mauern aus weit ältern Perioden. Es
wurde zunächst an der Südwestecke des Tempels gegraben, wo
man sich also nach dem spätern Ergebniß in der Mitte der
Aule (I, auf Plan VI) des Vorhofes des Palastes befand.
Hier standen kreuz und quer verschiedene dünne Mauern aus
kleinen Steinen mit Lehmverband. Unter ihnen hin zog sich
ein Kalkestrich, der in großem Viereck begrenzt wurde durch weit
stärkere und stellenweise aus saubern Quadern gefügte Mauern.
Es war also klar, daß das große Viereck mit seinem Estrich die
ursprüngliche Anlage war, die eine spätere kümmerliche Zeit in
kleine Räume zertheilt hatte, genau wie in den Palästen von
Troja und Tiryns. Jm weitern Verfolg der Grabungen stellte
sich dann aus jenen ältern starken Mauern genau der Grundriß
zusammen, den man nach den Erfahrungen von Troja und
Tiryns für die Haupträume des Herrscherpalastes vorauszusetzen
hatte: ein großer Saalbau mit zwei Vorräumen, einem statt-
lichen Hofe und vielen Nebengebäuden; das Ganze umzogen von
einer besondern Befestigungsmauer und auf zwei Wegen von
der untern Burg aus zugänglich. Jndem wir auf das Einzelne
eingehen, heben wir nur dasjenige hervor, was im Vergleich
zu den entsprechenden Anlagen in Troja und Tiryns von Jn-
teresse ist.

Der Palast liegt weit höher über dem Eingangsthore der
Burg als die in Troja und Tiryns. Ein Fahrweg konnte des-
Halb den Palasthof nicht ganz erreichen, das letzte Stück Weges
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