Semper, Gottfried
Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten oder praktische Ästhetik: ein Handbuch für Techniker, Künstler und Kunstfreunde (Band 2): Keramik, Tektonik, Stereotomie, Metallotechnik für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst — München, 1863

Page: 351
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Stereotomie (Steinkoiistruktion). Zwecklich-Formales. 351

Neuntes Hauptstück. Stereotomie (Steinkonstruktion).

A. Zwecklich- Formales.

§• 159. ■;■}

Einleitung.

Nach dem dritten Paragraphen des ersten Bandes über die
vier. Kategorieen der technischen Künste fallen alle diejenigen
unter ihnen in das Gebiet der Stereotomie, deren technische Auf-
gabe in der Verwerthung solcher Rohstoffe besteht, die wegen
ihres festen, dichten und homogenen Agregatzustandes dem Zer-
drücken und Zerknicken starken Widerstand leisten, also von
bedeutender rückwirkender Festigkeit sind, die sich durch Ab-
nehmen von Theilen der Masse zu beliebiger Form bearbeiten
und in regelmässigen Stücken zu solchen festen Systemen zusam-
menfügen lassen, wobei die rückwirkende Festigkeit das wichtigste
Prinzip der Konstruktion ist.

Nach dieser Definition ist das Gebiet der Stereotomie ein sehr
weites, fast generelles, das beinahe für alle gedenkbaren, räum-
lich-formalen Zwecke anwendbar ist. Die Steinmauer und die *
Mosaikdecke, beides Werke der Stereotomie, fallen zugleich in
das Gebiet derjenigen ausgedehnten und wichtigen Technik, die
den Stoff des ganzen ersten Bandes dieser Schrift ausmacht; die •
Glyptik (Kunst des Steinschneidens) führt die Stereotomie in den
Bereich der Keramik. Der hellenische Marmortempel ist Stereo-
tomie nach den Grundsätzen der Tektonik'; die Bildhauerei in
Marmor und Elfenbein, die Toreutik (Metallcälatur), die Skalptur
(Gemmenschneidekunst) und alle anderen Bildnereien aus harten
Stoffen stehen in nahen stilistischen Beziehungen zu der Plastik,
zu der Empaistik, zu den Künsten des Metalltreibens und des
Metallgiessens.' In allen ist die Stereotomie genau betrachtet nur

1 lieber das Verhalten der Bildschnitzerei zu der Plastik und Kunst des
Treibens, das vielleicht ein unabhängigeres ist, als hier angenommen wurde,
siehe den Artikel Toreutik in der Metallotechnik.
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