Stettiner, Richard
Das Webebild in der Manesse-Handschrift und seine angebliche Vorlage — Berlin, 1911

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ISEIT vielen Jahren befindet sich unter meinem Material für die
• Geschichte der primitiven Band- und Bortenweberei eine Abbildung
aus der „Manessehandschrift", der berühmten, um 1300 oder im Beginn
des H.Jahrhunderts in Zürich oder Konstanz entstandenen Minne-
sängerhandschrift, die dank dem geschickten Vorgehen des Straßburger
Buchhändlers Trübner 1888, nach einem Aufenthalte von über 200
Jahren im Auslande, ihrem früheren Aufbewahrungsort, Heidelberg,
wiedergewonnen werden konnte.

Die Abbildung hätte noch länger unter meinen Akten geruht, wäre
nicht neuerdings eine Dissertation der Königsberger Universität er-
schienen, „Die Miniaturen der Manessischen Liederhandschrift und ihr
Kunstkreis" von Erich Stange, (Greifswald 1909), die sich ebenfalls
mit jenem Bilde der Handschrift, und zwar, wie mir scheint, in ver-
kehrter Weise beschäftigt. Da aber Stanges Mißverständnis in zweierlei
Richtung Schaden stiftet, auf die Entstehungsart der Handschrift ein
falsches Licht wirft, und dann eines der interessantesten Dokumente
volkstümlicher Arbeit verdunkelt, so fühle ich mich verpflichtet, sofort
das Wort zu ergreifen.

Der Tatbestand ist kurz folgender: Stange hat sich in der Arbeit
die Aufgabe gestellt, die Heimat der Handschrift festzustellen — er
entscheidet sich aus orthographischen Gründen für Zürich; die
Miniaturen nach den verschiedenen, an ihnen tätigen Händen zu
sondern — er unterscheidet acht Klassen, von denen fünf Klassen als
spätere Nachträge, unter französischem Einfluß, anzusehen seien; die
Miniaturen ihrem Inhalte und besonders ihrer Veranlassung nach zu
sondern; endlich die Vorlagen festzustellen. Mit diesem letzten Ab-
schnitt haben wir uns zu beschäftigen.

Stange führt da zunächst Handschriften an, die, wie die Wein-
gartener Liederhandschrift in Stuttgart, für die reichere und kunstvollere
Manessehandschrift als anregende Vorlage gedient haben, oder doch
so viele Anklänge aufweisen, daß irgend eine Beziehung anzunehmen
ist; er weist dann auf die Wandgemälde der Schweiz, denen die Künstler
manche Motive entnommen haben mögen; er kommt zum Schluß als
die piece de resistance seiner Arbeit auf zwei französische Miniaturen
in elsässischem Privatbesitz, von denen ihm die eine direkt in der
Manessehandschrift kopiert zu sein scheint. Er leitet das Kapitel ein:
„Während bisher nur ungefähre Anklänge zu konstatieren waren, zeigt
eine neue Entdeckung, daß sich bis auf den heutigen Tag eine direkte
Vorlage für die Man. Hs. und zwar in ungewöhnlich gutem Zustande
erhalten hat."

Professor Paul Ganz, Basel, hatte bei der Vorbereitung seiner
„Geschichte der heraldischen Kunst in der Schweiz" (Frauenfeld 1899)
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