Waagen, Gustav Friedrich
Kunstwerke und Künstler in England und Paris (Band 1): Kunstwerke und Künstler in England — Berlin, 1837

Seite: 415
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Miniaturen. 415

deuten die feinen, zarten Linien, worin der Stich
ausgeführt ist, auf einen, der früher gewohnt gewe-
sen, für Nielloplatten zu arbeiten, wo diese Art ge-
wöhnlich in Anwendung kommt. Auch der Umstand,
dafs Marcanton, der gröfste italienische Kupferstecher,
aus der Werkstatt des Francia hervorgegangen, ist
der Annahme, dafs er selbst schon gestochen, unge-
mein günstig.

Unter den alten Miniaturen ist die unter Glas
und Rahmen aufgehängte, welche einen in einer Land-
schaft knieenden Ritter im goldenen Harnisch vor-
stellt, dem in der Luft der von Cherubim und Se-
raphim umgebene Gott Vater erscheint, während in
Abgründen Verdammte von Teufeln gequält werden,
bei weitem die wichtigste. Wie schon Passavant
bemerkt, gehört sie zu einer Folge von 40 Minia-
turen im Besitz des Herrn Georg Brentano in
Frankfurt am Main, welche für den Maitre Etienne
Chevalier, Schatzmeister von Frankreich unter Kö-
nig Carl VII., gemacht worden, und wahrscheinlich
einst sein Gebetbuch geschmückt haben. Sie rühren
von dem gröfsten französischen Miniaturmaler des
löten Jahrhunderts. Jehan Fouquet von Tours,
Maler des Königs Ludwig XL, her. *) Sie stehen in
Rücksicht der trefflichen, geistreichen Erfindung, wel-
che einen grofsen Meister verräth, wie in der künst-
lerischen Ausbildung auf einer ungemeinen Höhe.

Eine antike Büste eines Jünglings, in earrari-
schem Marmor, in Form und Ausdruck dem ältesten
Sohn des Laokoon ähnlich, ist von sehr edlem Styl,
ungemeinem Leben und der sorgfältigsten Arbeit. Be-

*) Deo Beweis hierüber weiter unten.
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